Die Antifagruppe Potsdam – Dokumente 1987 bis 1990

Nach dem Neonazi-Überfall auf ein Rockkonzert in der Ost-Berliner Zionskirche, kam es auch im benachbarten Potsdam vermehrt zu Aktivitäten von Naziskins. Als Reaktion darauf bildete sich dort, im November 1987, die erste unabhängige DDR-Antifa-Gruppe.

In Potsdam hatte sich in den 80ger Jahren eine heterogene Szene etabliert. Die Cliquen von Naziskins, Fußballfans in deren Umfeld und unpolitische Skinheads begannen ab 1987 vermehrt ihre Platzansprüche in Klubs und Kneipen durch Übergriffe bspw. auf Punks ‚anzumelden‘ und durchzusetzen. Zudem zeichnete sich eine räumliche Aufteilung des Stadtgebietes durch die verschiedenen Szenen ab. Nach dem Überfall auf die Berliner Zionskirche kam es auch im benachbarten Potsdam vermehrt zu Aktivitäten von Naziskins. Aufgrund von Gerüchten, dass diese in Jugendklubs ‚einfallen‘ würden, entschlossen sich AktivistInnen gegen die größer werdende Szene zu mobilisieren.

Den Anfang machte eine Plakataktion. Mit dem Flugblatt „Warnung! Neonazis auch in der DDR!“ sollte die Öffentlichkeit wachgerüttelt und informiert werden, um so auch Druck bspw. auf den Jugendklub „Spartacus“ auszuüben, den Nazis den Zutritt zu verwehren. Im Laufe des folgenden Morgens wurden alle Flugblätter entfernt. Das genügte den AktivistInnen aber nicht und so gründete sich Ende November 1987 die „Antifa Potsdam“, damit sich nicht nur eine klandestine Kleingruppe, sondern mehr Menschen organisieren und handeln konnten. … (zitiert aus: „30 Jahre Antifa in Ostdeutschland – Perspektiven auf eine eigenständige Bewegung“)em>

Hier findet ihr eine Auswahl von Dokumenten der Antifa Potsdam. antifa-nazis-ddr.de bedankt sich herzlich für die solidarische Spende und dass die Dokumente hier veröffentlicht werden können. Alle Namen und persönliche Daten der Antifa-AktivistInnen wurden in den hier veröffentlichten Dokumenten geschwärzt.

jpgDas erste Flugblatt der Antifa-Gruppe Potsdam
vom 5./6.November 1987,
JPG-Dokument, 2,8 MB
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pdfFotos des Ministerium für Staatssicherheit der DDR
von der ersten Flugblatt-Aktion der Antifa-Gruppe Potsdam,
vom 5./6. November 1987, PDF-Dokument, 5,0 MB
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pdfKleiner Briefverkehr der Antifa-Gruppe Potsdam,
mit der SED Kreisleitung Potsdam,
vom Mai 1989, PDF-Dokument, 8,7 MB
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pdfLadung Kreisgericht Potsdam-Stadt,
26. Juli 1989, PDF-Dokument, 9,1 MB
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pdfPlakat der Antifa-Gruppe Potsdam,
1. Potsdamer Antifatag,
29. Juli 1989, PDF-Dokument, 1,0 MB
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pdfAntifa-Gruppe Potsdam – Flugblatt zum Neofaschismus
PDF-Dokument, 2,3 MB
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jpgBrief: Rat der Stadt Potsdam, Stadtrat für Kultur
Betr.: Ordnungsstrafverfügung vom 16.5.89
30. Juni 1989, JPG-Dokument, 850 KB
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pdfAufruf der Antifa-Gruppe Potsdam
für eine Gedenkveranstaltung am 09. November 1989,
anläßlich der faschistischen Novemberpogrome.
PDF-Dokument, 429 KB
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pdfFlugblattentwurf der Antifa-Gruppe Potsdam,
an das Potsdamer Gaststättenkollektiv „Gemütliche Klause“
PDF-Dokument, 958 KB
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pdfProtesterklärung der Antifa-Gruppe Potsdam
gegen die geplante Zusammenarbeit der Modrow-Regierung, mit Südafrika und Chile.
erschienen im Dezember 1989, PDF-Dokument, 110 KB
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pdfFlugblatt der Antifa-Gruppe Potsdam,
gegen eine Anerkennung des faschistischen Regimes in Chile,
durch die DDR-Regierung.
erschienen im Dezember 1989, PDF-Dokument, 3,0 MB
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pdfFlugblattentwurf der Antifa-Gruppe Potsdam,
zu Neonaziangriffen auf das besetzte Haus Dortustsraße 65,
Frühjahr 1990, PDF-Dokument, 2,0 MB
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Chronologie: Naziüberfälle & rechte / rassistische Gewalt in der DDR

Als Folge des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs in der DDR ab Oktober 1989, wurden überall im Land massenhaft Häuser besetzt. Allein in Ostberlin gab es im Verlauf des ersten Halbjahrs 1990 über 200 besetzt Häuser. In der Nachbarstadt Potsdam waren es zur gleichen Zeit etwa 50 besetzte Häuser. Gleichzeitig entstand eine breite Infrastruktur von linken Treffpunkten, Kneipen, Infocafes. Doch diese Objekte, sowie die BewohnerInnen und AktivistInnen waren auch schnell Angriffsziele für Neonazis und rechte Fußball-Hools.

Überall in der DDR kam es immer vermehrter und offener zu neofaschistischer, antisemitischer Gewalt gegen farbige Menschen, AusländerInnen, Punks, Langhaarige, Gruftis und Linke. Doch schon in der „antifaschistischen“ DDR, der 1980er Jahre, gehörte faschistische Gewalt gegen farbige Menschen, ausländische VertragsarbeiterInnen und StudentInnen, alternative Jugendliche, Punks, Gruftis, Langhaarige mehr und mehr zur Tagesordnung.

Im Zeitraum vom 1.10.1987 bis 20.1.1988 wurden durch das MfS und der Kriminalpolizei insgesamt 40 Strafverfahren gegen 108 rechte Jugendliche eingeleitet, davon gingen 94 Personen in Haft. 1988 wurden 185 faschistische Straftaten registriert und 44 Ermittlungverfahren eingeleitet. Im Jahre 1989 wurden 300 „rechte“ Straftaten registriert und 144 Ermittlungsverfahren eingeleitet.

1982

28.2.1982, Hennigsdorf
Nach dem Fußballspiel Motor Hennigsdorf gegen FC-Union Berlin kam es zu antisowjetischen Ausschreitungen, als auf dem Bahnhofsgelände ein sowjetischer Militärtransport einen Aufenthalt hatte. Nach Buh-Rufen kam es zu Beschimpfungen und Gesängen wie „Ras, dwa, tri, – Russkis werden wir nie“. Es hagelte Steinwürfe auf sowjetische Soldaten und ein Militärfahrzeug wurde zerstört. Solche Aktionen brachten Symphatie bei vielen Jugendlichen, aber auch älteren Menschen.
Quelle: Zeitschrift telegraph 3/4 1998

1987

22.3.1987, Berlin-Marzahn
Sechs Skinheads schlagen eines NVA-Angehörigen zusammen.
Quelle: Zeitschrift telegraph 3/4 1998

29.3.1987, Berlin-Hellersdorf
In einem Bungalow wird ein Punk von Naziskinheads zusammengeschlagen.
Quelle: Zeitschrift telegraph 3/4 1998

11.9.1987, Dresden
Nazi-Skinheads überfallen einen Menschen aus Moçambique und schlagen ihn zusammen.
Quelle: Zeitschrift telegraph 3/4 1998

31.10.1987, Velten (Potsdam)
Im Anschluß an einer Tanzveranstaltung beginnen Nazis mit einer Schlägerei. BesucherInnen wurden verletzt, die Gaststätteneinrichtung wurde zerstört und danach gab es eine Auseinandersetzung mit der Polizei.
Quelle: Zeitschrift telegraph 3/4 1998

17.10.1987, Berlin (Prenzlauer Berg)
30 organisierte Nazis-Skinheads stürmten nach dem Konzert der Musikgruppen ,,Element of Crime“ und ,,Firma“ die noch halbvolle Zionskirche. Den Überraschungseffekt ausnutzend prügelten sie auf die Leute ein, die gerade aus einer Tür den Raum verlassen wollten. Dabei riefen sie ,,Sieg heil“ und ,,Juden raus aus deutschen Kirchen“. Die Polizei beobachtete nur und griff nicht ein. Auf dem ,,Nachhauseweg“ schlugen die Naziskins mehrere Männer vor einer so genannten „Schwulenklappe“ zusammen.
Quelle: Zeitschrift telegraph 3/4 1998

1989

14. Januar 1989, Berlin (Ost)
Am Abend des 14. Januar 1989, gegen 18:30 Uhr, wurden drei StudentInnen aus der VR Kongo auf dem Alexanderplatz von einer etwa 15 Mann starken Skin-Gruppe zusammengeschlagen und zusammengetreten. Dabei fielen Beschimpfungen, wie: „Negerschwein“,“Negersau,“, „Ausländer, verpißt euch!“, „Votzen“, „Idioten“, „Spastis“, … Dabei wurde auf die StudentInnen wurde mehrmals eingeschlagen. Zuerst, am Roten Rathaus. Dann in Höhe des Neptunbrunnens. Zuletzt auf der Straßenseite am Palast. Der Alex war gut besucht und gut beleuchtet. Die Afrikaner haben auch einen Volkspolizisten gesehen, der mit dem Rücken zum
Tatgeschehen stand. Vier der Täter wurde später ermittelt und am 1. Juni 1989 zu Haftstrafen zwischen Birr: 1
10 Monate und einem Jahr verurteilt
Quelle: Antifa Infoblatt Ostberlin, Nr. 1, vom 1. Juli 1989

26. Januar 1989, Magdeburg
Ein Skinhead aus Magdeburg schlägt eine Person grundlos nieder und tretet ihm in den Bauch. Der Skinhead wird im August 1989 wegen „Rowdytum zu 9 Monaten Haft verurteilt.
Quelle: Antifa Infoblatt, Nr. 2, vom 2. November 1989

23. Februar 1989, Berlin (Ost)
Am Abend des 23. Februar 1989, gegen 22:30 Uhr, werden vier Jugendliche (zwei davon sind Punks) nach einem Discobesuch von etwa 20 Neonazis angepöbelt, verfolgt und im Hausflur eines kirchlichen Gemeindehauses zusammengeschlagen.
Quelle: DIE KIRCHE, 26.3.1989 / Antifa Infoblatt Ostberlin, Nr. 1, vom 1. Juli 1989

25./26. März 1989 (Ostern), Berlin (Ost)
Ein Pädagogik-Student, wird auf dem Bahnhof Lichtenberg von sechs Skinheads angegriffen, weil sich auf seiner Jacke einen Gegen-Nazi-Aufnäher befindet. Er flüchtet, verfolgt von zwei Skinheads zu einem nahe gelegenen Station der Bahnpolizei. Diese nimmt von allen personen die Personalien auf. dann können die Skinheads unbehelligt gehen. Das Opfer muss seinen Aufnäher abtrennen. Die Skinheads können unbehelligt gehen. Gegen das Opfer wird eine Ermittlung wegen Verstoß gegen §13 Absatz 2 des VP-Gesetzes sowie wegen Verstoß gegen die „öffentliche Ordnung und Sicherheit“ eingeleitet. Eine Woche später wird Ihm mitgeteilt, der Aufnäher sei eingezogen, da er im nichtsozialistischen Ausland hergestellt wäre. Das Motiv des Aufnähers wäre genauso verboten, wie z.B. Nazismus-verherrlichende Symbole.

28. März 1989, Magdeburg
Mehrere Skinheads belästigen zwei Punks auf einem Rummel und beschimpfen diese. Zwei Polizisten verweisen darauf hin die Skinhead durch dien Hinterausgang und die Punks durch den Vorderausgang des Rummels. Kurz danach werden die Punks von den Skinheads auf der Elbbrücke aufgelauert. Die beiden Punks werden schwer zusammen geschlagen Einer verlor zwei Zähne. Vier beteiligte Skinheads werden im August 1989 zu Haftstrafen zwischen 1 Jahr 4 Monate und 1 Jahr und 8 Monate verurteilt.
Quelle: Antifa Infoblatt, Nr. 2, vom 2. November 1989

31. März 1989, Berlin (Ost)
Mindestens ein Mädchen wurde verletzt, als am Freitag ca. 20 Skins die Besucher eines Punkkonzertes im Tierparkclub verprügelten. Die Schläger hatten sich vor den Club versammelt und verfolgten von dort aus fluchtende Jugendliche bis in die U-Bahn-Station Tierpark. Der größte Teil der Besucher konnte glücklicherweise durch den Zweitausgang entkommen.
Quelle: Antifa Infoblatt Ostberlin, Nr. 1, vom 1. Juli 1989

1. April 1989, Magdeburg
Bei dem am Mittwoch stattfindenden Fußballspiel gegen die Türkei in Magdeburg sollte ein DDR-weites Skin-Treffen stattfinden. Die Skins wollten die türkischen Fußballfans „aufklatschen“. Tatsächlich kamen „nur“ -in paar hundert Skins. Den Skins wurde an diesem Tag kein Urlaub gegeben. Auch wurden viele Skins am Bahnhof zugeführt. Allerdings verletzte ein 17-jähriger Skin aus einem fahrenden Auto heraus einen Türkan.
Quelle: Antifa Infoblatt Ostberlin, Nr. 1, vom 1. Juli 1989

9. April 1989, Berlin (Ost)
Auch der Jugendclub „Linse“ (Friedrichsfelde-Ost) war am Sonntag Ziel eines Angriffs von etwa 30 Skins. Die Glatzen verfolgten einzelne Fluchtende und prügelten mir Ketten, Fäusten und Stiefeln auf sie ein. Eine Zeugin beobachtete eine kleinere Gruppe Skins, die offenbar nicht zum „Überfallkommando“ gehörten, die einem Punk erste Hilfe zu geben versuchten, welcher eine klaffende Wunde in der linken Gesichtshälfte hatte.
Quelle: Antifa Infoblatt Ostberlin, Nr. 1, vom 1. Juli 1989

20. April 1989, Potsdam
Eine Aktivistin der Antifa Potsdam wird auf dem Heimweg von Nazi-Skinheads zusammengeschlagen und muss ins Krankenhaus gebracht werden.

Frühjahr/Sommer 1989, Weimar
Auf Weimars Renommier-Straße (Schillerstraße) sammelt sich in den frühen Nachmittagsstunden der Nachwuchs der Fascho-Szene. AusländerInnen werden angemacht und geschlagen. Wenn die Sache überhand nimmt und ein ausländischer Schüler mit dunkler Hautfarbe aus einer Touristengruppe zusammengeschlagen wird, versucht die V-Polizei auch mal, die Lage in den Griff zu bekommen. Dann folgt das Übliche: Sogenannte Rädelsführer werden wegen Rowdytum angeklagt – in den Gerichtsberichten keine Bezugnahme auf die Hintergründe – die Schläger hätten eben zu viel Westfernsehen gesehen. Äußerungen, die nicht neu sind.
Zitiert aus: Antifa Infoblatt, Nr. 2, vom 2. November 1989

11. Juli 1989, Weimar
Aus Anlass der „3. Jugendtage der FDJ“ fand am 11. Juli 1989 im Weimarhallenpark einer Freiluftveranstaltung mit Diskothek statt. Gegen 23:45 rötteten sich etwa 100 Menschen zusammen. Unter Ihnen Skinheads und Personen mit Neonazis-Outfit, aber auch viele „normal“ bekleidete Jugendliche und Erwachsene.
Sie begannen gewalttätige Auseinandersetzungen mit sechs anwesende Afrikaner und Kubaner. Dabei wurde mit Flaschen, Gläsern und Steinen geworfen. Der Nazi-Mob rief dabei Parolen, wie „Deutschland den Deutschen “ und „Ausländer raus“. Es wurde die Deutsche Nationalhymne (Deutschland, Deutschland über alles …) gesungen.
Wenig später eintreffende 10 Volkspolizisten hielten sich im Hintergrund und unternahmen nichts. Nach kurzer zeit verschwanden 5 Volkspolizisten und kamen nicht wieder. Statt etwas gegen das faschistische Treiben zu unternehmen, wurden andere AusländerInnen „umgeleitet.
Nach etwa einer Stunde löste sich der faschistische Mob auf. Alle Beteiligten konnten, vollkommen unbehelligt von der Polizei, in aller Ruhe verschwinden.
Quelle: Antifa Infoblatt, Nr. 2, vom 2. November 1989

26. Oktober 1989, Berliner Jugendclub „jojo“
Am Ende einer Veranstaltung im Berliner Jugendclub „jojo“ werden mehrere Personen von einer Gruppe Schülern umringt und mit Beschimpfungen unmissverständlich neofaschistischen Charakters überhäuft. Eine Person wird im Verlauf der Auseinandersetzungen, wegen ihrer dunklen Hautfarbe, besonders angefeindet. Sie wird „Drecksnigger“, „Türkenschwein“, „Judensau“ und ähnliches beschimpft. Als die Personen den Jugendclub verließen, werden sie bereits von 30-40 Schülern erwartet. Eine Person wurden mehrere Male geschlagen und mit Füßen getreten. Die Person verlor einen Schneidezahn. Auch auf die Person mit dunkler Hautfarbe wurde eingeschlagen. Sie wurde ebenfalls getreten. Das eintreffen eines VP-Streifen-Wagens beendete die Angriffe der neofaschistischen Schüler, die die Flucht ergriffen.
Quelle: Zeitschrift telegraph, Nr. 8/89, vom 16. November 1989

1990

17./18./19./20. Februar 1990, Berlin (Ost)
In der Nacht von 17. zum 18.2.1990 wurden in Ostberlin von rechtsextremen Jugendlichen in der Choriner Straße ein Punk zusammengeschlagen sowie Scheiben des besetzten Hauses Schönhauser Allee 20 eingeworfen. (…)

Der Punk ist inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Leider hat es in Ostberlin in der Nacht vom 19. zum 20. Februar einen weiteren Vorfall gegeben. Eine Frau vom Linken Dokumentationszentrun und ein Begleiter wurden beim kleben von Plakaten der „Initiative für eine Vereinigte Linke (VL)“ von Nazi-Skins Oberfallen. Die Skins sprühten CS-Gas in die Gesichter und verprügelten die beiden brutal. Weiteren Oberfälle gab es in in Hoyerswerda und Jena.
zitiert aus: Zeitschrift telegraph, Nr. 4/90

MÄRZ 1990, Jena
Der Leseladen der Offene Arbeit Jena meldete den dritten Einbruch durch eine Gruppe Nazi-Skinheads. Beim ersten Mal setzten sie das Haus durch abtreten der Wasserhähne unter Wasser. Beim zweiten Mal zerstörten sie alles, was man mit einer Spitzhacke zerschlagen kann und beim dritten Mal legten sie Feuer im Treppenhaus. Die Offene Arbeit fungierte als Treffpunkt der Autonomen Antifa. Wahrscheinlich hatte es sich auch herumgesprochen, dass ein Ausländerkommunikationscafe in den Räumen integriert werden sollte.
Quelle: Antifa Info Blatt Ostberlin, Nr. 3/90

3. März 1990, Berlin (Ost)
Am Samstag, den 3. März griffen 100 rechte Fußballanhänger und Fascho-Skins ein besetztes Haus in der Kastanienallee 86 an. Das an diesem Tag eröffnete Cafe RAT-PUB wurde demoliert und mit. Steinen die Scheiben des Hauses zertrümmert.
zitiert aus: telegraph 5/90

15. März 1990, Potsdam
Seit 2 Wochen werden fast täglich ein besetztes Haus und ein Infocafe von Faschisten angegriffen. Die Scheiben werden zerschossen, die Anwohner angegriffen. Westberliner Fascho-Skins unterstützen die Potsdamer rechte Szene tatkräftig.
zitiert aus: telegraph 5/90

17. März 1990, Berlin (Ost)
Im Zusammenhang mit dem Fußballspiel FC Berlin (BFC) gegen Energie Cottbus wurde um ca. 15:00 Uhr das besetzte Haus Kastanienallee 85 in Berlin-Prenzlauer Berg, aus einer Straßenbahn heraus, mit Leuchtspur beschossen. Es gingen Scheiben zu Bruch.

Nach dem Fußballspiel FC Berlin (BFC) gegen Energie Cottbus überfallen ca. 300 Nazi-Hools des FC Berlin (BFC) das besetzte Haus Schönhauser Allee 20/21 in Berlin-Prenzlauer Berg. Die Nazis warfen mit Steinen und skandierten Parolen wie „Rotfront verrecke“, „Rote raus“, „kommt runter wir machen euch platt“. Einige Scheiben gingen zu Bruch. Der Versuch in die Häuser einzudringen scheiterte an den gut verbarrikadierten Türen. Nach etwa 10 Minuten rückte ein Aufgebot der Volkspolizei (VP) mit Knüppeln, Schilden und Hunden bewaffnet an. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis sie die Lage im Griff und die Neonazis auseinander gejagt hatten. Später sammelten sich die Nazis erneut auf dem Alexanderplatz, randaliert und griffen einige Gruftis an.

Am Abend griffen ca. 30 Nazis das besetzte Haus Schönhauser Allee 20/21 in Berlin-Prenzlauer Berg noch einmal an. Scheiben werden eingeworfen. Als die Nazis abzogen, wurden sie von einem Funkwagen der VP gestellt. Bei dem Versuch, einige Nazis festzunehmen, wurden die Polizisten von diesen angegriffen und ein Polizist wurde krankenhausreif geschlagen. Quelle: Antifa Info Blatt Ostberlin, Nr. 3/90

4. April 1990 Berlin (Ost)
12 Nazis überfallen, in einer, anscheinend von langer Hand geplanten, Aktion das besetzte Haus in der Kreutziger Str. 19. Die mit Gasmasken ausgerüsteten Angreifer versprühen CS-Gas und schlagen eine Bewohnerin krankenhausreif.

5./6. April 1990 Berlin (Ost)
Am 14.4 räumte die sogenannte Volkspolizei in Berlin-Mitte ein besetztes Haus in der Adelbertstraße. Sie raunten die im Haus befindlichen Einrichtungsgegenstände auf einen LKW und mauerten die Türeingänge zu. Die besetzten Häuser in der Adelbertstraße. wurden am 5.4, und den darauffolgenden Tagen von Faschisten angegriffen; es gingen dabei mehrere Fenster zu Bruch. Die Insassen, darunter auch Kinder wurden durch Splitter und Steine unmittelbar gefährdet. Die Faschisten treffen sich im gegenüberliegenden Jugendclub, von wo aus sie die Angriffe starten.

Die Polizei „begründete“ die Räumung der besetzten Häuser damit, dass die Häuser Angriffsziele für Faschisten darstellen… Wieder mal werden Betroffene zu Schuldigen erklärt und sollen Platz machen, um den Faschisten mehr Raum zu geben!
Das Haus wurde kurz nach der Räumung wiederbesetzt. Der Runde Tisch Berlin beschwerte sich über die Räumung beim Magistrat und dem Polizeipräsidium.

Die besetzten Häuser der Adalbertstraße in Berlin-Mitte werden von Nazis angegriffen. Mit Steinen werden diese Scheiben ein und gefährden schlafende Kinder. Die Nazis treffen sich im gegenüberliegenden Jugendklub, von wo aus sie die Angriffe starten. Als Folge dieses Überfalls wurde am 14. April 1990 eins der angegriffenen Häuser von der Volkspolizei(VP) geräumt. Die Begründung lautete, dass diese Häuser potentielle Angriffsziele für Faschisten seinen. Kurz nach der Räumung wurde das Haus wiederbesetzt.
Quelle: Antifa Info Blatt Ostberlin, Nr. 3/90

20. April 1990 Berlin (Ost)
Etwa 500 bis 600 rechte Skinheads und Hooligans ziehen nach einem Fußballspiel des FC Berlin (BFC) gegen 18.00 Uhr vor das besetzte Haus Schönhauser Allee 20/21. Dort skandieren sie Parolen wie „Rote raus“ und „CDU-FAP“. Die Volkspolizei(VP) geht gegen sie mit Schlagstöcken vor und treibt sie in Richtung Alexanderplatz.
Dort randalierten die Nazis bis ca. 21:00 Uhr. Sie verprügelten AusländerInnen und zerstörten zum wiederholten Mal das „Espresso“, (ein bekannter Treff von schwulen) unter der S-Bahn-Brücke. Später lieferten sie sich Rangeleien mit der Volkspolizei (VP), die sie mit Steinen und Flaschen bewarfen. Die Volkspolizei hielt sich sehr zurück und nahm Uber den gesamten Zeitraum 30 Nazis kurzzeitig fest. Gegen 21:00 wurde eine Gruppe Neonazis (ca. 200) im Nikolaiviertel von etwa 100 Antifas angegriffen und verjagt.
Quelle: Antifa Info Blatt Ostberlin, Nr. 3/90 und Zeitschrift telegraph, Nr. 8/90

23./24. Mai 1990 Berlin (Ost)
20 Hooligans schmeißen am 23. Mai gegen 24.00 einige Fenster des besetzten Hauses in der Ostberliner Kastanienallee 86 ein und schossen aus einer Gaspistole mehrere Tränengaspatronen ins Treppenhaus ab. Die Hausbewohnerinnen versuchten die Nazis zu vertreiben, indem sie Flaschen und Glaser aus dem Haus warfen.

Als die Volkspolizei, reichlich spät, mit 3 Streifenwagen und einem Überfallwagen erschien, enteilten die Helden des Terrors. Die Polizisten fanden aber keinen Grund ihnen hinterherzufahren. Vielmehr war ihre erste Frage an einen Punk: Haben Sie Arbeit?“. Der Einsatzleiter meinte, zerbrochene Fensterscheiben seien keine Straftat, sondern eine Ordnungswidrigkeit, die nur vom Besitzer des Hauses eingeklagt werden könnte. Im Übrigen verfolge man schon deshalb nicht, „weil uns diese Bürger bekannt sind.“ Auch der Einsatz einer Gaspistole sei nicht strafbar. Seit eineinhalb Monaten zählten Gaspistolen nämlich nicht mehr als Schusswaffe. Strafbar sei das Abschießen von Gasmunition nur, wenn dabei jemand verletzt würde.

Analog verlief ein Überfall am nächsten Tag von diesmal 30 Hooligans auf die Kastanienallee 86. Nur, dass in diesem Fall die Feuerwehr ziemlich schnell erschien und tatsächlich die durch einen Molotow-Cocktail der Nazis in Brand gesetzte Haustür löschte. Die Polizei fand auch an diesem Tag keinen Grund, die Nazis zu verfolgen.
zitiert aus: Zeitschrift telegraph, Nr. 10/90

26. Mai 1990 Berlin (Ost)
Wie nach jedem Fußballspiel des FC Berlins zogen am 26.5.90 wieder ca. 300 rechte Skinheads und Hooligans nach Beendigung des Spiels grölend und randalierend vom Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Richtung Alex. Ca. 100 von Ihnen kamen über die Schönhauser Allee 5 in die Lottumstraße und griffen uns mit Steinen und Leuchtspurgeschossen an. Um dem Angriff entgegenzuwirken, ergriffen die BesetzerInnen entsprechende Verteidigungsmaßnahmen. Es gelang, die Faschos nach kurz» Zeit in die Flucht zu schlagen.

Die Faschisten zogen zum Alexanderplatz und beschäftigten sich dort, unbeteiligt von der Polizei, mit dem Verprügeln von Ausländern. Erst als ein Trupp von Punks die Faschos vertreiben wollte, wurden die Polizeiknüppel tätig, natürlich nur gegen die Punks. Keinen Fußbreit dem Faschisten!
zitiert aus: Zeitschrift telegraph, Nr. 10/90

1. Juni 1990 Berlin (Ost)
Nazis überfallen das besetzte Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße. Die Faschisten hatten keine Große Mühe, die Cafe-Tür im Tacheles-Gebäude (ehem. Camera-Kino) aufzubrechen und brutal gegen die Besetzerinnen vorzugehen. Eine Frau wurde von einem Molotow-Cocktail getroffen und liegt derzeit im Krankenhaus. Die Gefahr der Erblindung besteht. Offenbar ist es jetzt bei den Faschisten Doktrin, auch gegen Frauen vorzugehen („feministische lesbische Frauen aufmischen“ -Zitat der NA-Weitlingstrasse).

Die „undurchsichtige“ Strategie der Polizei wurde vor dem Tacheles überdeutlich: zwei Tonis warteten, ohne einzugreifen, während die Faschistenüberfalls auf Verstärkung, die lange auf sich warten Hess, da angeblich niemand zur Verfügung stand (ein Tag später, Samstag 22.00 Uhr hielt ein voller Polizei-LKW am Kollwitzplatz, um einer Anzeige wegen Ruhestörung nachzugehen).

Wegen des schlampigen Wachdienstes konnten sich in der gleichen Nacht in das besetzte Haus in der Kastanienallee 86 (Prenzlauer Berg) offensichtlich einige Nazis einschleichen, die Gashähne in einer leerstehenden Wohnung aufdrehen und die Wände mit „Juda verrecke)“ beschmieren.
zitiert aus: Zeitschrift telegraph, Nr. 11/90

2. Juni 1990 Berlin (Ost)
Faschisten und Hooligans, versuchten scheinbar ermuntert durch die „Erfolge“ in der Nacht, das Strassenfest in der Kreuziger Strasse anzugreifen. Als die Besucherinnen des Strassenfestes die Hooligans in die Flucht schlugen, ging die Polizei dazwischen und lud einige Kinder-Hooligans und einige Strassenfestbesucherlnnen aus den besetzten Häusern auf die LKWs und brachte sie zur Personalienfeststellung in eine Schule (denen könnten auch mal neue Orte einfallen).
zitiert aus: Zeitschrift telegraph, Nr. 11/90

3./4. Juni 1990 Berlin (Ost)
Zu Pfingsten überfielen einige Dutzend Nazis die besetzten Häuser in der Mainzer Straße. Sie beschossen die Häuser mit Leuchtspurmunition, warfen Steine auf Fassaden und Fenster und grölten Parolen. Doch sehr schnell formierte sich der Widerstand der BesetzerInnen. Und während die angerückte Volkspolizei(VP) tatenlos zuschaute, wurden die Nazis von dem HausbesetzerInnen in Richtung Ostkreuz verjagt.

6. bis 8. Juli 1990 Berlin (Grünau)
Vom 6. bis 8. Juli war ein Antifa-Seminar geplant, an dem sich in Westberlin lebende jugoslawische, türkische, bulgarische, palästinensische und deutsche Jugendliche mit Jugendlichen aus der DDR austauschen wollten. Das Treffen fand in der Jugendherberge „Kiefert“ in Berlin-Grünau statt. Bereits im Vorfeld sei die Buchung der Herberge schwierig gewesen.

Bereits am Freitagabend wurden die Jugendlichen von ca. 40 Faschisten überfallen. Es gab mehrere Verletzungen, einem Mädchen wurde mit einer Flasche ins Gesicht geschlagen. Der Heimleiter wollte anfänglich die Polizei nicht verständigen (er sei „irritiert gewesen“).
Als diese dann erschien, habe sie der Schlägerei nur zugesehen und auch den ausländischen Jugendlichen einen Begleitschutz verwehrt, berichteten betroffene Jugendliche. Inzwischen soll der Westberliner Senat eine Strafanzeige wegen Untätigkeit gegen die diensthabenden Volkspolizisten erwägen.

Als sich am folgenden Tag ein Referent beim Heimleiter nach dem Seminar erkundigte, bekam er nur die lakonische Antwort, die Jugendlichen seien wieder abgereist – von den Vorfällen am Vortag erwähnte der Heimleiter nichts.
Quelle: Flugblatt des Unabhängigen Kontakttelefons Ostberlin, vom 9.7.1990

21. Juli 1990, Berlin-Ostbahnhof
Der Zug Warschau – Paris kommt an. Die Bahnpolizei versucht Polen am Aussteigen zu hindern, mit der Begründung, sie könnten ja woanders aussteigen. Die Leute drängen aus dem Zug und werden von der BePo vertrieben. Wasserwerfer, Gas, Knüppel werden angewandt, Hunde haben sie außerdem dabei.

24. Juli 1990, Berlin-Ostbahnhof
10 – 12 Faschos, Nazis (ca. 20 – 25 Jahre) halten sich in der Nähe der Gepäckfächer auf. Eine kleinere Gruppe Bulgaren geht zu den Gepäckfächern. Ein Bulgare wird von einer Bierflasche im Gesicht getroffen, ein Anderer, von den Nazis/ Faschos zusammengeschlagen, die Anderen fliehen. BePo-Einsatz.

27. Juli 1990, Berlin-Ostbahnhof
Bulgaren, Rumänen schlafen im Bahnhof. Sie werden mittels Knüppeleinsatz geräumt und sammeln sich auf dem Parkplatz vor dem Ostbahnhof. BePo rückt an und treibt die Leute auseinander. Tränengaspistolen und Wasserwerfer werden eingesetzt. Es entsteht eine Paniksituation, die Leute werfen ihr Gepäck in die Büsche, Taschen und Pässe verschwinden.

28./29. Juli. 1990, Berlin/Ost
in der Nacht vom Samstag zu Sonntag, in den Zeit zwischen 22 und 1 Uhr, greifen 6 Faschisten die im Bahnhof kampierenden bulgarischen und rumänischen Flüchtlinge an. Daraufhin ziehen starke Polizeikräfte mit Helm, Schild, Knüppeln und Hunden im Bahnhofsfoyer auf.

Aber statt die Faschisten zu verjagen, prügelten und traten die Polizisten die rumänischen Frauen, Kinder und Männer brutal aus dem Bahnhofsgebäude und dem Bahnhofsgelände. Panisch flüchteten sich die Rumänen und Bulgaren mit ihrer spärlichen Habe auf den Mauerstreifen (Nähe Köpenicker Straße) 13 Bulgaren wurden festgenommen.

Westberliner und Ostberliner Polizei verhinderten gemeinsam, dass die Flüchtlinge Westberliner Territorium betraten. Herbeieilende Antifas wurden auf dem Hauptbahnhof von den Staatsschützern beschimpft und ihnen wurden Prügel angeboten. Die Flüchtlinge mussten sich die ganze Nacht auf dem Grenzstreifen aus Angst vor Nazis und Polizisten verkriechen.
zitiert aus: Zeitschrift telegraph 13/1990

29. Juli 1990, Berlin-Ostbahnhof
Nur Trapos da und ca. 15 Leute die von den Bulgaren wiedererkannt werden, als Nazis, ca. 24.00 Uhr
Es sind ungefähr 30 Antifaschistinnen auf dem Ostbahnhof, ca. 1.00 Uhr
15 LO’s kommen, die Bulgaren und Rumänen gehen, bevor sie abgeräumt werden können auf den Mauerstreifen. Die Bullen sind in aggressiver Siegerstimmung.

30. Juli 1990, Berlin-Ostbahnhof
ca. 8.00 oder 9.00 Uhr Einsatzbullen verjagen die Leute vom Mauerstreifen

15. August 1990 Berlin (Ost)
Mittwoch (15.8.90), .00 Uhr nachts, wurde das Jessica-Proll-Haus (Jessner Str. 41) von 6 Faschos mit Leuchtspurmunition angegriffen. Als wir begannen uns zu verteidigen, flüchteten die Faschos über den Traveplatz. Wir nahmen die Verfolgung mit dem Auto auf, konnten sie aber nicht mehr finden und fuhren direkt in die Mainzer Straße.
Quelle: BesetzerInnenZeitung, Nr.01/1990

25. August 1990 Berlin (West)
Am Samstag, den 25.8. griffen ca. 6 Neonazis um 0.30 Uhr das besetzte Haus Marchstr. 23 an. Sie bewarfen die BewohnerInnen mit Pflastersteinen und Flaschen, zerstörten einige Fenster.
Als die BewohnerInnen sie entlang des Einsteinufers verfolgten, wurden sie aus einem Hinterhalt von weiteren 9 Faschisten mit Eisenstangen, Baseballkeulen und CS-Gas angegriffen. Dabei wurden 2 BewohnerInnen verletzt. Trotzdem gelang es die Neonazis mit Hilfe einiger „ausländischer“ PassantInnen zurückzuschlagen. Die Gruppe flüchtete, unbehelligt von einer inzwischen eingetroffenen Polizeistreife, mit 2 wahrscheinlich Westberliner Militärgeländewagen entlang der Cauerstr. In Richtung Otto-Suhr-Alle. Es waren Glatzen mit Bomberjacken, sowie Faschos mit HJ-Schnitten und Hemden, alle Mitte 20, z.T. waren sie mit Kapuzenpullis vermummt. Geflohen sind sie mit u.a. einem Kübelwagen (eckiger Jeep) mit ockerfarbenen Flecken auf olivgrünem Untergrund(Wüstentarnung), der ein W-Berliner Kennzeichen hatte. (…) Das ganze Vorgehen der Faschisten wirkte organisiert und wurde durch Befehle einzelner koordiniert. Das alles lässt auf eine Gruppe organisierter Neofaschisten schließen. (…)
Quelle: BesetzerInnenZeitung, Nr.02/1990

29. August 1990, Berlin
Verschiedene kleinere Fascho-Angriffe übers Wochenende. Jeweils Gruppen von ca. 6 Faschos griffen in der Nacht von Samstag die Rigaer 84 und die Jessener 41 an. Letzten Donnerstag drei kleine Faschoangriffe in der Pfarrstraße, wo auch mit Mollis geschmissen wurde. Ein Angriff auf die Marchstraße von ca. 15 hard-core Faschos.
Quelle: BesetzerInnenZeitung, Nr.02/1990

01. September 1990 Guben/Neiße
80 bis 100 Nazis aus der Stadt und der Region griffen das einzige besetzte Haus in Guben an. Etwa 35 Personen, darunter 20 BesucherInnen der Ostberliner Hausbesetzerszene gelang es, das Haus über eine halbe Stunde zu verteidigen. Die anwesende Volkspolizei griff nicht ein, sondern beobachtet das ganze aus sicherer Entfernung. Nachdem ein Großteil der Nazis, angesichts der massiven Gegenwehr, den Angriff auf das Haus einstellte und sich fluchtartig zurückzog, begannen die HausverteidigerInnen verstreute und zurück gebliebene Nazis zu verfolgen und direkt anzugreifen. Erst da griff die Polizei ein und hinderte die VerteidigerInnen an weiteren Handlungen. Gegen 2:30 in der nacht wurden die BerlinerInnen von der Volkspolizei aus Guben eskortiert. Quelle: BesetzerInnenZeitung, Nr.03/1990

Anfang September, Dresden
Auf einer PDS-Kundgebung mit 6000 Menschen tauchen ca. 30 Faschisten auf. Vollkommen unbehelligt können sie laut und massiv Parolen grölen und die Veranstaltung sprengen.

22. September 1990 Dresden/ Elbwiesen
Ca. 100 Faschisten belagern und terrorisieren ein PDS – Platzfest, auf Dresdener Elbwiesen. PDS – Fähnchen werden angezündet. Während einer Rede von Gregor Gysi kommt es zu Flaschenwürfen und faschistischen Sprechchören.
Die anwesende Polizei greift nur während der Rede von Gysi kurz ein. Sonst bleibt sie passiv. Gysi fordert die Fest-BesucherInnen per Mikrofon auf, sich von den Nazis nicht provozieren zu lassen: „Wir sind keine Extremisten, gehen nicht auf ihre Ebene ein.“
Ein aus Berlin angereister linker Infostand wird die gesamte Zeit von Faschisten bedrängt, beschimpft und bestohlen. Die zahlenmäßig ausreichend anwesenden Ordner der PDS verhalten sich dabei passiv und kommen dem Infostand-Betreiber nicht zur Hilfe. Im Gegenteil. Er wird aufgefordert, alles zu entfernen, was die Faschisten provozieren könnte. Später wird er von den Festverantwortlichen der PDS aufgefordert, seinen Info-Stand ganz abzubauen.

22.9.1990, Dresden-Neustadt (Altstadt von Dresden)
Ein Haus, daß sich nach außen als besetzt zu erkennen gibt, wird am helllichten Tag von Faschisten belagert. Einige Faschisten versuchen, das Haus von hinten mit Molli’s anzugreifen. Hunderte Menschen sind auf der Straße, um das Haus herum. Dem Aussehen nach sind es viele „linke Szene-Sympathisanten!?“ Alle wissen wohl davon. Doch niemand hilft. Alle sind nur zum interessierten Gaffen gekommen. Laufen um die angrenzenden Blöcke herum, begleiten und beobachten die Faschisten bei Ihren Angriffen. Die BesetzerInnen warten wie die Mäuse auf die Katze. Die Polizei kommt ab und zu zum diskutieren und sanftem abdrängen vorbei. Irgendwann verlieren die Faschisten das Interesse und ziehen ab. Auch die Gaffer verziehen sich in die umliegenden Szene-Lokalitäten der Neustadt.

Erklärung von Mitarbeitern der Antifa-Gruppe der Kirche von Unten zur geplanten Demonstration am 4.11.89

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung telegraph Nr. 6/89, vom 27. Oktober 1989 –

Bei den in den letzten Tagen und Wochen durchgeführten unabhängigen Demos mündiger und reformorientiertes Menschen wurden immer wieder Nationalisten gesichtet, die sich einzeln oder in Gruppen den Protestzügen anschlossen. Vereinzelt wurde ihrerseits versucht, mit Deutschland-Rufen oder ähnlichen lautenden Sprechchören Einfluss zu nehmen und damit den Inhalten der Demos ein anderes, ihnen genehme nationalistische Prägung zu geben.

Dies gelang ihnen zum Glück nicht. Jedoch steuern derartige Versuche den demokratischen Reformbestrebungen entgegen und schaden ihnen. Hinzu kommt, daß derartige Erscheinungen ein gefundenes Fressen für den Rewolverjournalismus der DDR-Medien sind, sowie Rechtfertigungsargumente für die Übergriffe der Staatsorgane liefern. Die Antifa-Gruppe der Kirche von Unten wird deshalb an der Demo am 4.11.89 teilnähmen und dort einen geschlossenen antifaschistischen Block bilden. Wir werden diesen Block mit eigenen Inhalten plakativ dokumentieren, uns jedoch voll mit dem Anspruch der Demo, sowie den Inhalten der Initiatoren solidarisieren. Wir rufen zu folgendem auf:

1. An alle antifaschistisch gesonnenen Menschen:
Schließt euch unserem antifaschistischen Block mit eigenen Transparenten an.

2. An alle für demokratische Reformen eintretenden Menschen:
Laßt nicht zu, daß nationalistisch/neofaschistische Gruppierungen Eure Inhalte kaputt und die Demo zu ihrer machen. Bringt nationalistische und faschistische Schreihälse zum Schweigen.

Demokratische Rechte für Neonazis?

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung telegraph Nr. 7, vom 4. November 1989 –

Am Samstag, den 28.10.89, kam es in Berlin nach dem Oberliga-Fußballspiel BFC Dynamo – Dynamo Dresden zu einer Massenschlägerei, die von BFC-Fans unter Führung von ca. 200 Fußball-Skinheads angeführt wurde.

Einen Tag später, am 29.10.89, kam es nach dem Bürgergespräch vor dem Roten Rathaus auf der Friedrichstraße zu einer Zusammenrottung von Nazi-Skinheads. Ihre Zahl wurde von Beobachtern auf 500 bis 1.000 geschätzt. Es wurden lauthals Deutschland-Parolen gebrüllt. Polizeikräfte waren massiv anwesend, schritten jedoch nicht ein.
Es kann nicht sein, daß ein Reformbeginn undemokratischen Gruppierungen demokratische Rechte zubilligt.

Bedenklich ist die Ansammlung neofaschistischer Gruppierungen in Fußballstadien. Mehr als bedenklich ist die Tatsache, daß in den Fan-Klubs der Mannschaft der Sicherheitsorgane (namentlich BFC) die Organisierung solcher Gruppierungen geduldet wird.
Eine Möglichkeit der mittelfristigen Bewältigung der Nazi- und Fußball-Skinhead-Szene wäre die Schaffung von sinnvollen alternativen Freizeitmöglichkeiten und darüber hinaus sinnvollen Lebensperspektiven für Jugendliche. D.W.

VEB Stadtwirtschaft Berlin: Nationalistische Propaganda unter Schutz der Bürokratie

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung telegraph Nr. 7, vom 4. November 1989 –

An der öffentlichen Wandzeitung des Müllführhofs 3 Berlin-Spindlersfeld erschien am 31.10. ein anonymer Artikel, in dem auf polnische Anfragen auf DDR-Staatsbürgerschaft Bezug genommen wurde, und unter scheinplausiblen Vorwenden Haß gegen Polen und Vietnamesen erzeugt wurde. Schon kurze Zeit darauf hatten 22 Kollegen unter diesen Artikel ihre Unterschrift gesetzt. Andere Kollegen drückten mündlich ihr Einverständnis aus, zwei sogar mit Lynchdrohungen. Der Artikel trug bereits 50 Unterschriften, als zwei Tage später der Kraftfahrer Max Hermann* einen Gegenartikel anbrachte, der die nationalistischen Ausfälle durch Benennung der tatsächlich wirtschaftlich Verantwortlichen zu bekämpfen versuchte.

Auf Anweisung des Fuhrhofleiters, Günter Meißner (SED), wurde Max Hermann*s Artikel bereits nach einer halben Stunde entfernt. Durch den Schichtleiter ließ er begründen, dies geschehe zum Schutze der Gesundheit von Max Hermann*. Der andere Artikel blieb unangetastet.
Beide Artikel wurden daraufhin von Max Hermann* dem Kombinatsdirektor und der Betriebszeitung zugestellt sowie an zwei Betriebsteilwandzeitungen angebracht.

In Spindlersfeld verschwand jetzt endlich der nationalistische Artikel, dafür an den anderen Wandzeitungen beide. Der Brigadier wies Max Hermann* an, in Zukunft sämtliche Artikel für die Betriebsteilwandzeitung zur Zensur vorzulegen, über den weiteren Umgang mit nationalistischen Artikeln verlautete dagegen nichts. a.b.

*Der Name wurde zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert.

Kommentar: Die Gedenkfeiern zur NS-Pogromnacht – Ein Musterbeispiel staatlicher Geschichtsaufarbeitung

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung Umweltblätter, vom Dezember 1988 –

Allerorts und auf Anweisung der Staats- und Parteiführung der DDR wird der Opfer der Pogromnacht vorn 9./10. November 1933 gegenwärtig gedacht. Es finden zahlreiche Kolloquien, Tagungen und sogar eine Volkskammersitzung zu diesem Thema statt. Dazu wäre an sich nichts einzuwenden, würde nicht das Kampagnenhafte und Unwahrhaftige dieser Aktivitäten offenbar. Es braucht in diesem Zusammenhang sicher nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß die Verfolgung, Vertreibung und physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, gleich welcher sozialen Zugehörigkeit selbstverständlich zu verurteilen ist und eben aufarbeitungswürdig erscheint. Gerade weil die Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung als Massenaktion und in aller Öffentlichkeit geschah, wäre eine tatsächliche Auseinandersetzung einschließlich der Frage nach den Ursachen dieser Ereignisse von dringender Notwendigkeit. Aber genau- dies geschieht bis heute nicht, da damit aktuelle Fragestellungen verbunden sind, die als bedrohlich von den Herrschenden empfunden werden.

Obwohl es nicht einfach ist, angesichts der damaligen faschistischen Massenmorde eine nüchterne Einschätzung zu geben, will ich dennoch versuchen, die gegenwärtige offizielle „Vergangenheitsbewältigung“ zu analysieren. Wie sieht diese also aus?‘

1. Das Gedenken an die jüdischen Opfer des Faschismus wird offiziell verbunden mit der Würdigung jüdischer Geisteswissenschaftler. Erinnert wird an hervorragende wissenschaftliche Erkenntnisse und Potenzen, die durch die Judenverfolgung der Menschheit verloren gegangen sind. Ohne Zweifel. trifft dies auf verschiedene Personen zu. Dennoch wäre eine differenzierte Bewertung von einer Parteiführung, die sich auf den Marxismus beruft, zu erwarten gewesen. Plötzlich erscheint allein die Zugehörigkeit zur jüdischen Bevölkerungsgruppe als Ausweis für wissenschaftliche Verdienste und demzufolge verehrungswürdig. Als völlig belanglos erscheint hingegen die Tatsache, daß eine große Anzahl von Wissenschaftlern und angesehenen Persönlichkeiten sich in den Dienst der herrschenden Klassen des Kaiserreiches und/oder der Weimarer Republik stellten. Viele von ihnen waren konservativer, deutschnationaler Gesinnung, wie z.B. der Altertumswissenschaftler Eduard Norden. Die Feststellung, daß diese Gelehrten auf der anderen Seite der Barrikade, z.B. im November 1918 standen, und auch jüdische Unternehmer gemeinsam mit ihren “arischen'“ Kollegen sehr wohl ihre Interessen gegenüber der Arbeiterschaft durchzusetzen verstanden, berührt überhaupt nicht die Frage der Verurteilung des faschistischen Massenmordes, aber sie wäre von dieser Parteiführung, gemessen an ihrem Anspruch, zu messen gewesen. Wo bleiben in den offiziellen Gedenkreden die ca. 21.000 Arbeiter, auf deren Interessenvertretung sich die Staatsrührung doch sonst beruft? Wo wird die Tatsache erwähnt, daß diese jüdischen Arbeiter auch von Unternehmern gleichen Glaubens ausgebeutet‘ und deren Existenzgrundlagen ständig gefährdet waren? Wie kann denn sonst die häufig gestellte „Frage beantwortet werden, warum sich kein jüdischer Widerstand größeren Ausmaßes organisiert hätte, ‚wenn nicht durch die Feststellung, daß die jüdische Bevölkerung durch genau dieselben Interessenkonflikte gekennzeichnet war, wie die gesamte Gesellschaft. Ein Bankier setzt sich nicht an den Tisch, eines Arbeiters oder unterprivilegierten verarmten jüdischen Kleinhändler.

Die Nationalsozialisten machten die jüdische Bevölkerung ihrer Abstammung nach, unabhängig von ihrer sozialen Lage und ihrer Gesinnung, gleich, und diese Schablone erfährt gegenwärtig ihren aktuellen Aufguss.

2. Die Untersuchung des staatlichen Terrors, dem 6 Millionen Juden zum Opfer fielen, muß sich mit der Frage nach den Ursachen staatlicher Gewalt überhaupt verbinden. Die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten diente zum einen der Finanzierung der Rüstungsproduktion (Einziehung jüdischen Vermögens und „Sühnezahlung“ von 1 Mrd. Reichsmark), und andererseits sollten soziale Konflikte und Unrechtserfahrungen in den Judenhass kanalisiert werden, wie insgesamt Anderssein und Andersdenken zur Ausgrenzung – bis zur physischen – führte. Dies war ein Schritt zur psychischen Mobilmachung der deutschen Bevölkerung für den Krieg und die Festigung des Herrschaftssystems.

Nach dem Zusammenbruch des Faschismus wäre eine .Auseinandersetzung als Aufbauleistung darüber notwendig gewesen, wie zukünftig verhindert werden kann, daß sich staatliche Gewalt wiederum etabliert und sich dem Zugriff der Bevölkerung entzieht. Es ist letztlich die Frage nach der Kontrolle des Staates. Daß eine solche Diskussion auf breitester demokratischer Grundlage keineswegs den nunmehr zur Macht Gelangenden genehm sein konnte, denjenigen nämlich, deren wirtschaftliche und politische Macht per staatliche Gewalt und ohne demokratischen Konsens abgesichert war, ist heute offensichtlich. Demokratische Bestrebungen in dieser Richtung wurden von Anbeginn an unterbunden. Immerhin ließ sich eine eingeschüchterte und demoralisierte Bevölkerung viel bequemer in das neue System integrieren als eine selbstbewusste, ihre Interessen anmeldende und fordernde.

Eine Staatsmacht, die die Verfolgung von Andersdenkenden seit Jahrzehnten praktiziert (erinnert sei nur allein in diesem Jahr an die Ereignisse des 17. Januar, die Zensurma߬nahmen gegenüber Kirchenzeitungen oder die Relegierungen von Schülern der Carl-von-Ossietzky-Schule…), kann sich nicht ernsthaft der Frage von Gewaltherrschaft und den daraus zu ziehenden Konsequenzen (im Sinne von Aufarbeitung nämlich) stellen. Deshalb bleibt das demonstrativ zur Schau gestellte Mitgefühl der Partei- und Staatsführung mit den Verfolgten des Naziregimes (auch wenn sie. einmal dazu gehörten, so haben sie sich doch von den tatsächlich Werktätigen meilenweit entfernt) unwahrhaftig, weil nicht an die Substanz gehend und jede aktuelle Fragestellung vermeidend. Diese offiziellen Bekundungen sollen auf internationalem Parkett der eigenen Profilierung als Demokraten dienen und politische und wirtschaftliche Einflußsphären gewinnen helfen. Die von uns hofierten jüdischen Organisationen und ihre Vertreter haben ein erhebliches ökonomisches Potential hinter sich und spielen z.B. auf dem Kredit¬markt eine wichtige Rolle.

Die Opfer des Naziterrors sollen dazu herhalten, von den Problemen – auch international – abzulenken. Daß sich dafür sogar die Kirchenleitung, vertreten durch Konsistorialpräsident Stolpe, hergibt, der anlässlich des Fürbittgottesdienstes am 4.11.88 in der Gethsemanekirche für die gemaßregelten und schließlich zum Teil relegierten Schüler der Carl-von-Ossietzky-Schule dazu ermahnte, sich während der Friedensdekade doch der Opfer des Faschismus zu erinnern und nicht die aktuellen Ereignisse in den Vordergrund treten zu lassen, muß sehr erstaunen. Wer zwischen diesen Ereignissen keine tieferliegende Beziehung sehen will (ohne damit diese Gesellschaft dem Faschismus gleichzusetzen, das wäre angesichts des damaligen Leidens und Sterbens vermessen und ist auch von den sozialen Grundlagen her falsch), keine ähnlich wirkenden Mechanismen, der kann eine tatsächliche Aufarbeitung nur oberflächlich nachvollziehen. In diesen Punkt hat scheinbar die Kirche Nachholbedarf.

3. Die Gedenkveranstaltungen der Staatsführung sollen international demonstrieren, daß in der DDR eine Verfolgung aus rassischen oder Glaubensgründen nicht mehr möglich sei, da Verfassungsgrundsatz. Unerwähnt bleibt, daß Glaubensgemeinschaften auch den rechten Zuschnitt haben müssen, uns nicht diskriminiert zu werden. Wie sich diesen Zuschnitt die Staatsführung vorstellt, wird in der groß aufgemachten Erklärung der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ in der DDR, landesweit publiziert, deutlich. Zunächst wird die Übereinstimmung ihrer Ziele mit denen der staatlichen Politik festgestellt. Weiter heißt es: „Heilige der Letzten Tage sind niemals ‚Aussteiger‘, sondern positiv und optimistisch im Denken und Handeln… Die Kirche steht grundsätzlich niemandem zur Verfügung, der bei ihr eine Plattform oder ein Dach für Opposition sucht, oder um `Sonder- und Gruppenziele‘ zu verfolgen, die mit den Aufgaben der Kirchen und deren erklärten Zielen überhaupt nicht in Einklang zu bringen sind… Die Kirche ist keine politische oder gesellschaftliche Organisation.“ (ND, 29./30.10.88) Daher unterstützen sie jede staatliche Obrigkeit, die ‚ihnen das Recht gewährt, ihren Glauben auszuüben. Eine solch konforme Haltung wird auch prompt vom Staat belohnt. Wie sie selbst schreiben, sind viele neue Gemeindehäuser in letzter Zeit entstanden und sollen weitere folgen (ebenda). Dies sind deutliche Worte an diejenigen Gemeinden, die sich nicht dem Staate untertan machen, sondern sich als kritische Partner verstehen. Für Kirchenmitglieder, die auf eigener Meinung bestehen, die sich gegen Zensurmaßnahmen gegenüber Kirchenblättern und andere Behinderungen wehren, die den Wehrdienst nicht mit der Waffe in der Hand versehen wollen u.a.m., gilt der Verfassungsgrundsatz nicht. Sie sollen aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden, und gegen sie richtet sich staatliche Gewalt. So sieht die Vergangenheitsbewältigung und -aufarbeitung seitens der Staatsführung aus.

Setzen wir dagegen tatsächliche Solidarität mit den Gemaßregelten und Verfolgten staatlicher Gewalt vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Zeiten. Leisten wir aktive Erinnerungsarbeit.

n.n.

Kommentar: Die Gedenkfeiern zur NS-Pogromnacht – Ein Musterbeispiel staatlicher Geschichtsaufarbeitung

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung Umweltblätter, vom Dezember 1988 –

Allerorts und auf Anweisung der Staats- und Parteiführung der DDR wird der Opfer der Pogromnacht vorn 9./10. November 1933 gegenwärtig gedacht. Es finden zahlreiche Kolloquien, Tagungen und sogar eine Volkskammersitzung zu diesem Thema statt. Dazu wäre an sich nichts einzuwenden, würde nicht das Kampagnenhafte und Unwahrhaftige dieser Aktivitäten offenbar. Es braucht in diesem Zusammenhang sicher nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß die Verfolgung, Vertreibung und physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, gleich welcher sozialen Zugehörigkeit selbstverständlich zu verurteilen ist und eben aufarbeitungswürdig erscheint. Gerade weil die Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung als Massenaktion und in aller Öffentlichkeit geschah, wäre eine tatsächliche Auseinandersetzung einschließlich der Frage nach den Ursachen dieser Ereignisse von dringender Notwendigkeit. Aber genau- dies geschieht bis heute nicht, da damit aktuelle Fragestellungen verbunden sind, die als bedrohlich von den Herrschenden empfunden werden.

Obwohl es nicht einfach ist, angesichts der damaligen faschistischen Massenmorde eine nüchterne Einschätzung zu geben, will ich dennoch versuchen, die gegenwärtige offizielle „Vergangenheitsbewältigung“ zu analysieren. Wie sieht diese also aus?‘

1. Das Gedenken an die jüdischen Opfer des Faschismus wird offiziell verbunden mit der Würdigung jüdischer Geisteswissenschaftler. Erinnert wird an hervorragende
wissenschaftliche Erkenntnisse und Potenzen, die durch die Judenverfolgung der Menschheit verloren gegangen sind. Ohne Zweifel. trifft dies auf verschiedene Personen zu. Dennoch wäre eine differenzierte Bewertung von einer Parteiführung, die sich auf den Marxismus beruft, zu erwarten gewesen. Plötzlich erscheint allein die Zugehörigkeit zur jüdischen Bevölkerungsgruppe als Ausweis für wissenschaftliche Verdienste und demzufolge verehrungswürdig. Als völlig belanglos erscheint hingegen die Tatsache, daß eine große Anzahl von Wissenschaftlern und angesehenen Persönlichkeiten sich in den Dienst der herrschenden Klassen des Kaiserreiches und/oder der Weimarer Republik stellten. Viele von ihnen waren konservativer, deutschnationaler Gesinnung, wie z.B. der Altertumswissenschaftler Eduard Norden. Die Feststellung, daß diese Gelehrten auf der anderen Seite der Barrikade, z.B. im November 1918 standen, und auch jüdische Unternehmer gemeinsam mit ihren “arischen'“ Kollegen sehr wohl ihre Interessen gegenüber der Arbeiterschaft durchzusetzen verstanden, berührt überhaupt nicht die Frage der Verurteilung des faschistischen Massenmordes, aber sie wäre von dieser Parteiführung, gemessen an ihrem Anspruch, zu messen gewesen. Wo bleiben in den offiziellen Gedenkreden die ca. 21.000 Arbeiter, auf deren Interessenvertretung sich die Staatsrührung doch sonst beruft? Wo wird die Tatsache erwähnt, daß diese jüdischen Arbeiter auch von Unternehmern gleichen Glaubens ausgebeutet‘ und deren Existenzgrundlagen ständig gefährdet waren? Wie kann denn sonst die häufig gestellte „Frage beantwortet werden, warum sich kein jüdischer Widerstand größeren Ausmaßes organisiert hätte, ‚wenn nicht durch die Feststellung, daß die jüdische Bevölkerung durch genau dieselben Interessenkonflikte gekennzeichnet war, wie die gesamte Gesellschaft. Ein Bankier setzt sich nicht an den Tisch, eines Arbeiters oder unterprivilegierten verarmten jüdischen Kleinhändler.

Die Nationalsozialisten machten die jüdische Bevölkerung ihrer Abstammung nach, unabhängig von ihrer sozialen Lage und ihrer Gesinnung, gleich, und diese Schablone erfährt gegenwärtig ihren aktuellen Aufguss.

2. Die Untersuchung des staatlichen Terrors, dem 6 Millionen Juden zum Opfer fielen, muß sich mit der Frage nach den Ursachen staatlicher Gewalt überhaupt verbinden. Die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten diente zum einen der Finanzierung der Rüstungsproduktion (Einziehung jüdischen Vermögens und „Sühnezahlung“ von 1 Mrd. Reichsmark), und andererseits sollten soziale Konflikte und Unrechtserfahrungen in den Judenhass kanalisiert werden, wie insgesamt Anderssein und Andersdenken zur Ausgrenzung – bis zur physischen – führte. Dies war ein Schritt zur psychischen Mobilmachung der deutschen Bevölkerung für den Krieg und die Festigung des Herrschaftssystems.

Nach dem Zusammenbruch des Faschismus wäre eine .Auseinandersetzung als Aufbauleistung darüber notwendig gewesen, wie zukünftig verhindert werden kann, daß sich staatliche Gewalt wiederum etabliert und sich dem Zugriff der Bevölkerung entzieht. Es ist letztlich die Frage nach der Kontrolle des Staates. Daß eine solche Diskussion auf breitester demokratischer Grundlage keineswegs den nunmehr zur Macht Gelangenden genehm sein konnte, denjenigen nämlich, deren wirtschaftliche und politische Macht per staatliche Gewalt und ohne demokratischen Konsens abgesichert war, ist heute offensichtlich. Demokratische Bestrebungen in dieser Richtung wurden von Anbeginn an unterbunden. Immerhin ließ sich eine eingeschüchterte und demoralisierte Bevölkerung viel bequemer in das neue System integrieren als eine selbstbewusste, ihre Interessen anmeldende und fordernde.

Eine Staatsmacht, die die Verfolgung von Andersdenkenden seit Jahrzehnten praktiziert (erinnert sei nur allein in diesem Jahr an die Ereignisse des 17. Januar, die Zensurma߬nahmen gegenüber Kirchenzeitungen oder die Relegierungen von Schülern der Carl-von-Ossietzky-Schule…), kann sich nicht ernsthaft der Frage von Gewaltherrschaft und den daraus zu ziehenden Konsequenzen (im Sinne von Aufarbeitung nämlich) stellen. Deshalb bleibt das demonstrativ zur Schau gestellte Mitgefühl der Partei- und Staatsführung mit den Verfolgten des Naziregimes (auch wenn sie. einmal dazu gehörten, so haben sie sich doch von den tatsächlich Werktätigen meilenweit entfernt) unwahrhaftig, weil nicht an die Substanz gehend und jede aktuelle Fragestellung vermeidend. Diese offiziellen Bekundungen sollen auf internationalem Parkett der eigenen Profilierung als Demokraten dienen und politische und wirtschaftliche Einflußsphären gewinnen helfen. Die von uns hofierten jüdischen Organisationen und ihre Vertreter haben ein erhebliches ökonomisches Potential hinter sich und spielen z.B. auf dem Kredit¬markt eine wichtige Rolle.

Die Opfer des Naziterrors sollen dazu herhalten, von den Problemen – auch international – abzulenken. Daß sich dafür sogar die Kirchenleitung, vertreten durch Konsistorialpräsident Stolpe, hergibt, der anlässlich des Fürbittgottesdienstes am 4.11.88 in der Gethsemanekirche für die gemaßregelten und schließlich zum Teil relegierten Schüler der Carl-von-Ossietzky-Schule dazu ermahnte, sich während der Friedensdekade doch der Opfer des Faschismus zu erinnern und nicht die aktuellen Ereignisse in den Vordergrund treten zu lassen, muß sehr erstaunen. Wer zwischen diesen Ereignissen keine tieferliegende Beziehung sehen will (ohne damit diese Gesellschaft dem Faschismus gleichzusetzen, das wäre angesichts des damaligen Leidens und Sterbens vermessen und ist auch von den sozialen Grundlagen her falsch), keine ähnlich wirkenden Mechanismen, der kann eine tatsächliche Aufarbeitung nur oberflächlich nachvollziehen. In diesen Punkt hat scheinbar die Kirche Nachholbedarf.

3. Die Gedenkveranstaltungen der Staatsführung sollen international demonstrieren, daß in der DDR eine Verfolgung aus rassischen oder Glaubensgründen nicht mehr möglich sei, da Verfassungsgrundsatz. Unerwähnt bleibt, daß Glaubensgemeinschaften auch den rechten Zuschnitt haben müssen, uns nicht diskriminiert zu werden. Wie sich diesen Zuschnitt die Staatsführung vorstellt, wird in der groß aufgemachten Erklärung der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ in der DDR, landesweit publiziert, deutlich. Zunächst wird die Übereinstimmung ihrer Ziele mit denen der staatlichen Politik festgestellt. Weiter heißt es: „Heilige der Letzten Tage sind niemals ‚Aussteiger‘, sondern positiv und optimistisch im Denken und Handeln… Die Kirche steht grundsätzlich niemandem zur Verfügung, der bei ihr eine Plattform oder ein Dach für Opposition sucht, oder um `Sonder- und Gruppenziele‘ zu verfolgen, die mit den Aufgaben der Kirchen und deren erklärten Zielen überhaupt nicht in Einklang zu bringen sind… Die Kirche ist keine politische oder gesellschaftliche Organisation.“ (ND, 29./30.10.88) Daher unterstützen sie jede staatliche Obrigkeit, die ‚ihnen das Recht gewährt, ihren Glauben auszuüben. Eine solch konforme Haltung wird auch prompt vom Staat belohnt. Wie sie selbst schreiben, sind viele neue Gemeindehäuser in letzter Zeit entstanden und sollen weitere folgen (ebenda). Dies sind deutliche Worte an diejenigen Gemeinden, die sich nicht dem Staate untertan machen, sondern sich als kritische Partner verstehen. Für Kirchenmitglieder, die auf eigener Meinung bestehen, die sich gegen Zensurmaßnahmen gegenüber Kirchenblättern und andere Behinderungen wehren, die den Wehrdienst nicht mit der Waffe in der Hand versehen wollen u.a.m., gilt der Verfassungsgrundsatz nicht. Sie sollen aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden, und gegen sie richtet sich staatliche Gewalt. So sieht die Vergangenheitsbewältigung und -aufarbeitung seitens der Staatsführung aus.

Setzen wir dagegen tatsächliche Solidarität mit den Gemaßregelten und Verfolgten staatlicher Gewalt vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Zeiten. Leisten wir aktive Erinnerungsarbeit.

n.n.

Behördlicher Antifaschismus

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung Umweltblätter, vom Mai 1989 –

Die Antipathie staatlicher Stellen gegen Punks dürfte bekannt sein. Dass deren antinazistische Haltung (zumindest in Einzelfällen, wie der folgenden) ebenfalls reglementiert wird, ist ein recht trauriger Beleg für den – offiziell so oft beteuerten – Antifaschismus unseres Staates. Ein wirklicher, d.h. ein Antifaschismus von Unten, mag er sich auch nur im Tragen von Symbolen äußern, wird bekämpft.

Dazu ein Beispiel: Jörg D., ein Pädagogik-Student, steht am Ostersonntag, der S-Bahn harrend, auf dem Bahnhof Lichtenberg. An seiner (Leder-)Jacke ein Aufnäher: Eine Hakenkreuz zerschmetternde Faust und die Aufschrift „Gegen Nazis“. Eine Gruppe von sechs Skinheads greift ihn an, will den Aufnäher „entfernen“, weil sie „als .Deutsche etwas dagegen hätten“. Jörg flüchtet zum TraPo-Gebäude, zwei Skins bleiben ihm dicht auf den Fersen. Ein TraPo (Transportpolizei – DDR-Bahnpolizei, d. Säzz.) taucht auf, die Ausweise von Verfolgten und Verfolgern werden kontrolliert. Im TraPo-Häuschen erfolgt die „Klärung des Sachverhalts“, die wie folgt aussieht: die Skins werden laufen gelassen, Jörg wird aufgefordert, den Aufnäher abzutrennen. Auf die Frage „Womit?“ antwortet man ihm: „Solche Typen wie Sie haben doch immer ein Messer dabei!“ Er wird auf die TraPo-Wache mitgenommen. Dort wird ihm vorgeworfen, er habe gegen §13 Absatz 2 des VP-Gesetzes sowie gegen die „öffentliche Ordnung und Sicherheit“ verstoßen.

Eine Woche später wird Jörg in einem Gespräch mitgeteilt, der Aufnäher sei eingezogen, da er im nichtsozialistischen Ausland hergestellt wäre. Das Motiv des Aufnähers wäre genauso verboten, wie z.B. Nazismus-verherrlichende Symbole.

(Friedenskreis Weißensee)

Kaum Ausschreitungen zum lOO. Hitler-Geburtstag

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung Umweltblätter, vom Mai 1989 –

Entgegen vielfältigen Ankündigungen geschah zum 100. Geburtstag des Braunauer Volksverführers wenig. Groß angekündigte Nazi-Skin-Treffen in Potsdam und Eberswalde fanden nicht statt. Stattdessen gab es gewaltige Polizei- und Stasiaufgebote. In Ermangelung von Neonazis wurden von ihnen Anti- Nazis, die in Potsdam demonstrieren wollten, aus den Zügen weggefangen. Dagegen konnten sie einem Mitglied einer Potsdamer Anti-Nazi-Gruppe keinen Schutz geben. Die Frau wurde auf dem Heimweg von einheimischen Nazi-Skins zusammengeschlagen und musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Schwierigkeiten neuer Art hatte das Dresdner Café der Offenen Arbeit „Pep“ am darauffolgenden Montag. Zu einer Diskussion über Neofaschismus erschienen Nazis-Skins und verhielten sich wie jeder andere Teilnehmer. Wenn sie zu Wort kamen, gaben sie Selbstdarstellungen. Für bedeutungsvoll erklärten sie beispielsweise den Nazi-Ideologen Rosenberg. Seitdem gibt es in der Dresdner Offenen Arbeit Streit. Die einen wollen Neonazis von vornherein von den Veranstaltungen ausschließen. Die anderen sagen, dass die Nazi-Skins auch nur eine neue Jugendmode wie vorzeiten die Punks seien. Man dürfe die Neonazis nicht von vornherein ausschließen.

Dass ein Ende des Kampfes gegen Basisgruppen eine zentral angeordnete Taktik ist, könnte man aus vereinzelten Mitteilungen von Nazi-Skins an Leute aus den Basisgruppen schließen. „Warum sollen wir uns streiten“, hieß es da etwa, „wir haben doch alle etwas gegen die Regierung. Ich sage nur: ‚Getrennt marschieren, vereint schlagen!“

Die Basisgruppen werden überlegen müssen, wie sie sich gegenüber dieser neuartigen Zumutung verhalten. Einigkeit dürfte immerhin darüber bestehen, dass Polizeiterror und Gefängnis kein geeignetes Mittel gegen die Neonazis sind. a.b.

Fotos: 3. Oktober 1990 – Neonazi-Kader am Rand der Demonstration „Deutschland halts Maul – es reicht!“

3. Oktober 1990: 10.000 Menschen versammeln sich auf der Oranienstraße / Oranienplatz in Berlin Kreuzberg. Sie wollen sich an der linksradikalen Demonstration „Deutschland halts Maul – Es reicht!“ beteiligen. Am Rand des Oranienplatzes tauchen die beiden NA / VAPO – Neonazikader Ingo Hasselbach (1) und Günther Reinthaler (2) auf. Als Antifaschisten die Nazis entdecken und angreifen, werden die Nazis von der Polizei in Schutzhaft genommen. Dabei entstanden diese Fotos.


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