Letzter Stand zum geplanten Antifa-Marsch 11.10.1989

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung Umweltblätter, vom 27. September 1989 –

Kommissarische Entscheidung zum geplanten Antifa-Marsch Sachsenhausen – Schwerin vom 11. bis 15. Oktober

Angesichts einer neuen Situation – ausgelöst durch die Absage des Antifa – Marschs durch die FDJ – sehen wir uns gezwungen, diesen Marsch in eigener Organisation durchzuführen.
Wir sehen uns jedoch außerstande, bis zum 11. Oktober die organisatorische Arbeit zu leisten und verschieben darum den Antifa-Marsch vorläufig. Der neue Termin ist von der Vollver¬sammlung am 10. Oktober zu verabreden.
In der derzeitigen Situation wäre die Durchführung des Marsches ohne Beteiligung der FDJ und ausländischer Gruppen ein Polizeiproblem und damit sinnlos.
Sparen wir darum unsere Kraft!
Für den 14. Oktober planen wir einen DDR-weiten Antifa-Tag in Berlin (Ort über Kontakttelefon, Berlin 448 42 35, oder Vollversammlung am 10. 11.).

27.9.1989

Mitglieder der Vollversammlung der Antifa-Gruppe der KvU

Aufruf der ANTIFA – Kirche von Unten

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung Umweltblätter, vom 27. September 1989 –

An alle antifaschistisch eingestellten Menschen der DDR

1989, 50 Jahre nach Beginn des 2. Weltkriegs und 44 Jahre nach Zerschlagung der Hitler-Diktatur ist der Faschismus noch immer eine traurige Tatsache.
Im Oktober führte die FDJ einen antifaschistischen Jugendmarsch durch, unter Beteiligung antifaschistischer Kräfte anderer Länder und ausgewählten FDJ-lern aus Potsdam, Neubrandenburg und Berlin. Das Hauptziel war wie immer die BRD. Aber Faschisten bzw. faschistische Tendenzen gibt es auch hier und in: anderen Ländern.
Das Bemühen unserer Gruppe, offiziell über die FDJ eine Beteiligung möglich zu machen, stieß auf Widerstand, Taktiken der Verschleppung und letztlich auf ein eindeutiges NEIN seitens der FDJ.

– Der Marsch beginnt am 11.10. in Sachsenhausen und endet am 15. Oktober in Schwerin.
– Ein wirkliches antifaschistisches Bekenntnis ist nur durch breiteste Beteiligung aller antifa¬schistischen Kräfte möglich.
– Darum rufen wir auf: Beteiligt Euch mit vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten an diesen Marsch, um die notwendige Breite eines antifaschistischen Bündnisses auch.-in diesen Land zu demonstrieren.

OB ALT, OB JUNG, OB FRAU, OB MANN – ANTIFA GEHT ALLE AN!!

Verfolgt aufmerksam die Veröffentlichungen der Tagespresse/ ‚ achtet auf Informationen in Schule und Betrieb. Bringt die Stellzeiten des Marsches in Erfahrung.
Informiert; andere und motiviert sie zur Teilnahme an diesem Marsch.
Nutzt Eure Kontakte mit uns zur Verbreitung des Aufrufs.
Findet Euch mit uns am 11. Oktober in Sachsenhausan zu einem antifaschistischen Bekenntnis ein. Beteiligt Euch am Marsch oder seid am 15.10. in Schwerin, um Euch in den Marsch einzureihen.

FASCHISMUS DARF KEINE CHANCE BEKOMMEN
UND DAZU BRAUCHT ES DICH UND DICH UND DICH
Die ANTIFA-Gruppe der KvU Berlin

Neonazistische und nationalistische Aktivitäten

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung Umweltblätter, vom 27. September 1989 –

Internen SED-Informationen zufolge wurden im August in Wolgast 11 Neonazis verhaftet. Sie sind Teil einer Organisation, die den Namen einer SS-Division trug. Die Mitglieder der Gruppe sind zwischen 16 und 38 Jahre alt, darunter angesehene Bürger der Stadt, Lehrer und Beamte. Die neonazistische Gruppe war straff organisiert. Neben Protokollen fanden sich Uniformen und Hieb- und Stichwaffen.

Es gab Schulung und Traditionspflege, letztere in einem Traditionszimmer. Es gab den Versuch einer Kontaktaufnahme zum BRD-Republikaner-Führer Schönhuber einschließlich Treuebekenntnis. Wie es weiter heißt, ist hoch nicht klar, ob der Kopf der neonazistischen Organisation verhaftet werden konnte. Die Untersuchungen dauern an. An eine Information der Öffentlichkeit war nicht gedacht.

Ein Flugblatt einer „Freien Partei der Republik“ in ziemlich ungewöhnlicher Druckqualität (schwarz und rot auf gelbem Papier) tauchte Anfang August in Ostberlin auf und fand eine ungewöhnlich weite Verbreitung. In seinen Forderungen mutet das Flugblatt zunächst liberal an. Es werden freie Wahlen, freie Presse, freie und unabhängige Justiz, freie und offene Grenzen gefordert. Die Freiheit und Unabhängigkeit der baltischen Republiken wird unterstützt. Neben dem Sturz der „kommunistischen Regierung“ und der Begießung aller kommunistischen Denkmäler mit roter Farbe“ wird aber „freie Privatökonomie“ und „Freiheit der und von der Religion“ und „Ein vereinigtes Deutsch¬land mit Berlin als Hauptstadt“ gefordert. Für den 1. und 2. September wird anläßlich des Kriegsbeginns und „einem halben Jahrhundert ohne Freiheit für alle Menschen in Osteuropa“ zu einer „Riesen¬demonstration“ und ab 1. September zum „Totalen Generalstreik bis zum Rücktritt der Regierung“ aufgefordert. Der nationalistische Unterton ist nur sprachlich zu fassen. Manches, etwa die Formel, daß am 1. September 1939 die Unfreiheit für ganz Osteuropa begann, deutet auf eine Rosenbergsche Version der NS-Ideologie. Der Nazi-Ideologie Rosenberg war in einer Diskussion mit Nazi-Skins in Dresden vor einigen Monaten gegenüber Hitler hervorgehoben worden. Rosenberg war ein Gegner des Hitler-Stalin-Pakts und vertrat eine falangistische Ideologie, nämlich das Konzept einer rechten Arbeiterbewegung.

Neueren Angaben zufolge stammt das Flugblatt von einem Einzelnen, der Mitte August beim Flugblattverteilen auf dem Berliner Alexanderplatz festgenarmen wurde. Daß es ein Einzelner war ist aber nach der Druckqualität und der Verbreitung nicht wahrscheinlich.

Auch zur offiziellen Demo mußt du Zeit mitbringen

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung Umweltblätter, vom 27. September 1989 –

Zur offiziellen Demonstration zum Internationalen Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus, und imperialistischen Krieg am 10.9.1989 auf dem August- Bebel-Platz in Berlin oder

Auch zur offiziellen Demo mußt du Zeit mitbringen

Aus Anlaß desselben entschlossen wir, 6 dynamische junge ijeuce, und, daran aktiv teilzunehmen: Einer hängte sich einen Fotoapparat um, vier bemalten sich Händen und ich befestigte Anstecker an meinem Hand mit Antifa-Losungen.
Auf dem Weg zum August-Bebel-Platz fand ich ein Druschba-Freundschaft-Plakat und trugs ab da mit mir herum. Hinter der Marschall-Brücke war es dann soweit – PA-Kontrolle mit anschließender Diskussion für zwei von uns. Unser Fotograph machte ein Bild davon und ließ sich mehr oder weniger bereitwillig unter Begleitschutz zum nächsten Bahnhof bringen. Lieber ein Bild als kein Bild. Zwei weitere durchquerten den Menschenauflauf der Demo. Ich wandte mich dem Plakat der beiden Erstkon¬trollierten zu, die nach einem Kompromiß mit den Beamten nicht an der Demo teilnehmen durften, sondern am Zeughaus verbleiben mußten. Das verfehlte den Wunsch der älteren Männer ganz und gar den von der Demo Kommenden fielen wir nun erst recht auf. Die Reaktion war im Gros positiv. Es folgte wieder Diskussion und letztendlich, gegen 11 Uhr, „ab um die Ecke“. Dort erwartete uns ein UCW der Bepo. Im Polizeipräsidium Keibelstraße trafen wir uns mit unseren Mitdemonstranten wieder und weitere fünf Dynamische, die während der Demo ein Transparent mit der Aufschrift „Wehret den Anfängen“ zu tragen versuchten. In der Zuführungsstelle saßen und/oder standen wir dann bis etwa 14.30 Uhr. Die Verhöre endeten im Allgemeinen mit Entschuldigungen wie: „Überreizung der Beamten“ oder „Wir schützen Sie nur vor Schlägereien mit rivalisierenden Gruppierungen“(an diesen Tag?!). Unerklärlich bleibt uns, warum wir dann noch weitere 5 Stunden festgehalten wurden.

Eine Notiz zu den Arbeitern aus Vietnam

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung Umweltblätter, vom 27. September 1989 –

Im Porzellanwerk Colditz arbeiten sehr viele Vietnamesen, denen es nicht leicht gemacht wird, Deutsch zu lernen, weil Kontakte zu den Deutschen unerwünscht sind und aufgrund dessen nur einige Vietnamesen als Dolmetscher die Vermittlung zwischen den verschiedensprachigen Arbeitern übernehmen müssen. Diese Übersetzer werden allerdings in ihrer Freizeit schärfer überwacht als andere.
Der Druck von Seiten der vietnamesischen Obrigkeit ist noch derselbe wie bisher und führt auch dazu, daß sich viele Gruppen „freiwillig“ verpflichten, ein halbes Jahr oder noch länger, ohne einen einzigen Freien Tag dazwischen, durchzuarbeiten, und das roch im 3-Schichtsystem. r.r.

Zum Problem ausländischer Arbeiter in der DDR

– aus der linken DDR-Oppositions-Zeitung Umweltblätter, vom 27. September 1989 –

Im Braunkohlenkombinat Bitterfeld (BBK) arbeiten verhältnismäßig viele Mocambiquaner, im Betriebs¬teil Delitzsch-Südwest (DSW) sind beispielsweise rund 170 im 4-Schichtsystem beschäftigt. Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen bekommen sie keinen Bergbauerschwerniszuschlag und keine Jahresendprämie, obwohl sie dieselbe Arbeit verrichten und keine Gammelpausen einlegen dürfen, wie das bei ihren deutschen Kollegen üblich ist.
Werden darüber Beschwerden laut, bekommen diejenigen, die sich dazu durchringen, außer den Unannehmlichkeiten, die daraus direkt erwachsen, zwar eine Jahresendprämie ausgezahlt, jedoch nicht in der üblichen Höhe, sondern höchstens zwischen 100 und 300 Mark.
Dafür, daß z.B. Mocambiquaner den Arbeitskräftemangel ia Tagebaubetrieb durch ihre Mitarbeit wenigstens zum Teil Ausgleichen, dürfen sie auch gleich geschlossen zur Wahl antreten, und das zweimal, – zuerst im Wohnheim und dann auch noch im Sonderwahllokal. Die Wahlhelfer nutzten jede Gelegenheit, um Ausländer zur Wahl der ihnen sowieso unbekannten Kandidaten zu überreden. Wer sich dagegen offen aussprach, hatte sich vor der eigenen Obrigkeit zu verantworten und richtige Gehirnwäschen als „erzieherische Maßnahmen“ waren auch nicht selten.

Obwohl es für mocambiquanische Staatsbürger keinerlei Reisebeschränkungen gibt, dürfen die hier lebenden Möcambiquaner das Land nicht verlassen, da die Staatsoberhäupter beider Länder vor Jahren schon vereinbarten, daß die Gastarbeiter sie im jeweiligen Partnerland „wie zu Hause fühlen“ sollten. Das heißt für die afrikanischen Gastarbeiter, daß sie die immer rarer werdenden DDR-Bürger ersetzen sollen.

Schönhuber pfeift – die Ratten kommen

– aus der DDR-Oppositions-Zeitschrift telegraph, Nr.9/89, vom 29. November 1989 –

Als ich am 27. November vor der überfüllten Leipziger Nikolaikirche auf Freunde und die Demo wartete, wunderte es mich, hinter den Fenstern der Küsterei eine riesige Deutschlandfahne zu sehen. Nebenbei erfahre ich, daß der IGL (Initiativgruppe Leben) die Gestaltung des heutigen Friedensgebetes verwehrt wurde, ebenso erging es den Arbeitskreis Gerechtigkeit in der Vorwoche – Pfarrer Führer sind die Basisgruppen anscheinend zu links, zumal der Bürgermeister der Partnerstadt Hannover anwesend ist. Die Deutschlandfahne voran bewegt sich alles zur Kundgebung auf den Karl-Marx-Platz (der künftig „Platz der Freiheit“ heißen soll). Gerade heute gibt es eine breite Öffentlichkeit durch anwesende Dokumentarfilmer.

Aber es ist nicht mehr die gewohnte Leipziger Demo: überall Deutschlandfahnen, Transparente wie „Wiedervereinigung jetzt“, „Weizsäcker – Präsident aller Deutschen“, „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Während der Ansprachen verdichtet sich das Gefühl, unter die REPs geraten zu sein. Auf die wenigen klaren Absagen an die Wiedervereinigung (SDP Vereinigte Linke) ein Mensch aus Heidelberg) folgen Pfiffe und der Schlachtruf „Deutschland einig Vaterland“ in Fußballstadionmanier. Selbst als ein Redner notwendige gute Nachbarschaft mit unseren polnischen und tschechischen Freunden fordert, wird er ausgepfiffen – diese Ausländerfeindlichkeit bekam Nahrung durch staatliche Stimmungsmache in der DDR in den letzten Tagen.. Nur vereinzelt andere Plakate: „Gegen Aufkauf der DDR durch die BRD- kein viertes Reich“. „Alle Herrschaftssysteme sind brutal, weil sie auf Gewalt aufbauen“, „Gegen Faschismus, Rassismus, Sexismus“ – auf der Rückseite die Faust, die das Hakenkreuz zerschlägt, „Umweltreich statt Deutsches Reich“. Wir sind nur ca. 50 Andersdenkende, hauptsächlich Punks und Anarchisten, und beschließen, in die entgegengesetzt Richtung zu laufen. Als wir dann der Den» begegnen, rufen wir den Menschen zu „Keine Wiedervereinigung“, „Kein viertes Reich“, einer schwenkt die rot-schwarze Fahne der Anarchisten. Aus der dumpfen Menge schlägt uns entgegen „Ihr seid das letzte“, „Schämt euch was“, „Geht erst mal arbeiten“, „Wichser“, selbst als „Stasischweine“ und „Faschos“ (Gipfel der Demagogie!) werden wir beschimpft. Plötzlich weiß ich, wie Adolf-Hitler-Wähler aussehen. Es riecht förmlich nach Pogrom. Einer hält beschwörend sein Schild „keine Gewalt“ hoch. Wir antworten mit „Nazis raus“, „Schönhuber raus“, „Ihr seid hohl – verkauft euch bloß an Kohl“. Nur vereinzelt gab es Beifall, wenige stellten sich an unsere Seife. 50 gegen 50.000.

Das Leipziger Demo-Publikum ist also ein anderes geworden. Jetzt, wo das Demonstrieren nicht mehr gefährlich ist, kriechen die Deutsch-Nationalen aus den Löchern. Die es begannen und erkämpften, bleiben fern. Erschöpft von der Kleinarbeit, aber auch erschreckt durch großdeutsches Wiedervereini-gungsgeschwafel bereits am 13. November. Damals gab es noch Plakate wie „Stasigelder für die Wälder“, „Banane – Vorsicht Rutschgefahr“, „Selbstverwaltung statt Mitbestinnung“, Forderungen nach der Rehabilitierung Robert Havenanns und Wolf Biermanns. All dies fehlt jetzt, als ob alle Forderungen verwirklicht seien (auf der Kundgebung wurde z.B. bekannt, daß die Stasi-Leute, die in Cottbuser Tagebauen arbeiten ihr altes Dienstverhältnis inclusive Bezahlung behalten haben! Zum anderen ist bekannt, daß die Verschickung in die Produktion doch nur hauptsächlich Wehrpflichtige des Wachregi¬ments „Dzierzinski“ betraf, ganz zu schweigen vom Gefängnispersonal und den unveränderten Knastver¬hältnissen…)

Sicherlich sind nicht alle Nazis – für manche scheint die Wiedervereinigung das letzte Tabuthema zu sein. Oder ist es nur einsetzende Verzweiflung, aus Angst vor der eigenen Verantwortung für die Zukunft? Mittlerweile gibt es hartnäckige Gerüchte, daß sich eine „Partei für die Wiedervereinigung gründen will – sicherlich, „Republikaner“ werden sie sich noch nicht gleich nennen.
Dem vierten Reich keine Chance!
Wir brauchen keinen starken Mann, denn wir sind selber stark genug! g.h.

Als ich am 27. November vor der überfüllten Leipziger Nikolaikirche auf Freunde und die Demo wartete, wunderte es mich, hinter den Fenstern der Küsterei eine riesige Deutschlandfahne zu sehen. Nebenbei erfahre ich, daß der IGL (Initiativgruppe Leben) die Gestaltung des heutigen Friedensgebetes verwehrt wurde, ebenso erging es den Arbeitskreis Gerechtigkeit in der Vorwoche – Pfarrer Führer sind die Basisgruppen anscheinend zu links, zumal der Bürgermeister der Partnerstadt Hannover anwesend ist. Die Deutschlandfahne voran bewegt sich alles zur Kundgebung auf den Karl-Marx-Platz (der künftig „Platz der Freiheit“ heißen soll). Gerade heute gibt es eine breite Öffentlichkeit durch anwesende Dokumentarfilmer.
Aber es ist nicht mehr die gewohnte Leipziger Demo: überall Deutschlandfahnen, Transparente wie „Wiedervereinigung jetzt“, „Weizsäcker – Präsident aller Deutschen“, „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Während der Ansprachen verdichtet sich das Gefühl, unter die REPs geraten zu sein. Auf die wenigen klaren Absagen an die Wiedervereinigung (SDP Vereinigte Linke) ein Mensch aus Heidelberg) folgen Pfiffe und der Schlachtruf „Deutschland einig Vaterland“ in Fußballstadionmanier. Selbst als ein Redner notwendige gute Nachbarschaft mit unseren polnischen und tschechischen Freunden fordert, wird er ausgepfiffen – diese Ausländerfeindlichkeit bekam Nahrung durch staatliche Stimmungsmache in der DDR in den letzten Tagen.. Nur vereinzelt andere Plakate: „Gegen Aufkauf der DDR durch die BRD- kein viertes Reich“. „Alle Herrschaftssysteme sind brutal, weil sie auf Gewalt aufbauen“, „Gegen Faschismus, Rassismus, Sexismus“ – auf der Rückseite die Faust, die das Hakenkreuz zerschlägt, „Umweltreich statt Deutsches Reich“. Wir sind nur ca. 50 Andersdenkende, hauptsächlich Punks und Anarchisten, und beschließen, in die entgegengesetzt Richtung zu laufen. Als wir dann der Den» begegnen, rufen wir den Menschen zu „Keine Wiedervereinigung“, „Kein viertes Reich“, einer schwenkt die rot-schwarze Fahne der Anarchisten. Aus der dumpfen Menge schlägt uns entgegen „Ihr seid das letzte“, „Schämt euch was“, „Geht erst mal arbeiten“, „Wichser“, selbst als „Stasischweine“ und „Faschos“ (Gipfel der Demagogie!) werden wir beschimpft. Plötzlich weiß ich, wie Adolf-Hitler-Wähler aussehen. Es riecht förmlich nach Pogrom. Einer hält beschwörend sein Schild „keine Gewalt“ hoch. Wir antworten mit „Nazis raus“, „Schönhuber raus“, „Ihr seid hohl – verkauft euch bloß an Kohl“. Nur vereinzelt gab es Beifall, wenige stellten sich an unsere Seife. 50 gegen 50.000.

Das Leipziger Demo-Publikum ist also ein anderes geworden. Jetzt, wo das Demonstrieren nicht mehr gefährlich ist, kriechen die Deutsch-Nationalen aus den Löchern. Die es begannen und erkämpften, bleiben fern. Erschöpft von der Kleinarbeit, aber auch erschreckt durch großdeutsches Wiedervereinigungsgeschwafel bereits am 13. November. Damals gab es noch Plakate wie „Stasigelder für die Wälder“, „Banane – Vorsicht Rutschgefahr“, „Selbstverwaltung statt Mitbestinnung“, Forderungen nach der Rehabilitierung Robert Havenanns und Wolf Biermanns. All dies fehlt jetzt, als ob alle Forderungen verwirklicht seien (auf der Kundgebung wurde z.B. bekannt, daß die Stasi-Leute, die in Cottbuser Tagebauen arbeiten ihr altes Dienstverhältnis inclusive Bezahlung behalten haben! Zum anderen ist bekannt, daß die Verschickung in die Produktion doch nur hauptsächlich Wehrpflichtige des Wachregiments „Dzierzinski“ betraf, ganz zu schweigen vom Gefängnispersonal und den unveränderten Knastverhältnissen…)

Sicherlich sind nicht alle Nazis – für manche scheint die Wiedervereinigung das letzte Tabuthema zu sein. Oder ist es nur einsetzende Verzweiflung, aus Angst vor der eigenen Verantwortung für die Zukunft? Mittlerweile gibt es hartnäckige Gerüchte, daß sich eine „Partei für die Wiedervereinigung gründen will – sicherlich, „Republikaner“ werden sie sich noch nicht gleich nennen.
Dem vierten Reich keine Chance!

Wir brauchen keinen starken Mann, denn wir sind selber stark genug! g.h.

Auch in Schulen bereits Neofaschistische Gesinnung

Eine farbige DDR-Bürgerin berichtet

– aus DDR-Oppositions-Zeitschrift telegraph, Nr.8/89, vom 16. November 1989 –

Am Ende einer Veranstaltung im Berliner Jugendclub „jojo“ hatten wir am 26. Oktober eine unangenehme Begegnung mit mehreren anscheinend überwiegend nationalistischen Schulklassen. Zwei Freunde und ich wurden von den Schülern umringt, die uns mit Beschimpfungen unmißverständlich neofaschistischen Charakters überhäuften. Ich war auch im weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen wegen meiner dunklen Hautfarbe ständiger Mittelpunkt der Angriffe. Als Beispiele seien nur einige genannt wie „Drecksnigger“, „Türkenschwein“, „Judensau“ und ähnlich sattsam bekanntes Vokabular neofaschistischer Gruppierungen. Als wir den Jugendclub verließen, waren 30-40 Schüler versammelt und warteten auf uns. Sofort begannen wieder die Provokationen. Ein Freund von mir und ich wurden mehrere Male geschlagen und mit Füßen getreten. Dabei tat sich ein Jugendlicher auf besonders brutale Weise hervor. Einer meiner Freunde nahm diesen beiseite, um mit ihm zu reden. Der ließ sich aber nicht beruhigen und begann zu schlagen. Mein Freund verlor einen Schneidezahn. Während die anderen zusahen, drängten mehrere Schüler auf mich ein und begannen mich von neuem zu beschimpfen, zu treten und zu schlagen. Die für uns zunehmend gefährliche Situation löste sich auf, als beim Eintreffen eines VP-Streifen-Wagens alle Schüler flüchteten.

A., r.l.

Reaktion und harte Kritik auf den Beitrag, sowie am Autor von: „Guben 1. September [ein Kreutz(iger)Zug?]“ aus der BesetzerInnen Zeitung Nr. 3

– aus BesetzerInnenZeitung Nr. 4, vom 12. September 1990 –

Der Autor bezieht sich auf diesen Text: http://guben-1-september-ein-kreutzigerzug

GUBEN

Woher nimmst Du das Recht, mich als mackerhaften Prügelidioten
zu bezeichnen?! Gubener Antifas waren es ja wohl, die uns um Hilfe baten. Und nach meinem antifaschistischen Selbstverständnis war es klare Sache, nach Guben zu fahren, um dort die Antifas zu unterstützen. Sage mir bitte, warum wir den Fascho- Angriff provoziert haben sollen. Gab es etwa vor unserer Ankunft in Guben keine Angriffe auf das besetzte Haus oder die Antifas?
Gab es bis dahin in Guben keine Neo-Nazis oder Menschen, die immer mitrennen, wem es gegen linke geht? Genial ist natürlich auch, daß Du gleich schreibst, wo die meisten von uns wohnen (wünsche der „Kreutziger“ eine angenehme Bullen- Hausdurchsuchung). Die Antifas, die in Guben von Bullen abgegriffen wurden freut es sicherlich, eine so sachliche Berichterstattung in der BZ (BestzerInnenZeitung) zu lesen (ein Pluspunkt mehr in der Akte).

Ein ganz dickes Lob auch an die Redaktion der letzten BZ!
In der Ausgabe Nr. 2 lese ich: „Das gilt besonders für Gedächtnisprotokolle nach irgendwelchen Aktionen! Sobald leute damit gefährdet werden, wird notfalls geschwärzt.“ … bläh, blöh, sülz Was mich auch stark irritiert, ist dieser Kotz- Bericht, der voller Widersprüche ist. Warum bist Du eigentlich mit nach Guben gefahren, sicherlich nicht, um den Antifas dort deine UNTERSTÜTZUNG zu geben! …nach Deiner Scheiße , die Du geschrieben hast. So schreibst Du, wir hätten die Neo- Nazis provoziert, es wäre so oder so alles Scheiße, was wir gemacht haben und dann lesen meine sichtlich genervten Augen, die Trefferquote auf die Neo- Nazis hätte höher sein können. Entweder bist Du T0TAL BLÖD oder Du solltest mit Dir ins Reine kommen und deine antifaschistische Praxis näher erläutern. Was mich eigentlich nur an der ganzen Aktion genervt hat war, daß wir nicht noch zwei Stunden im Haus geblieben sind. Es hätte ja gut möglich sein können, daß einige Neo- Nazis das Haus im Laufe der Nacht noch einmal angreifen. Eins sei noch festzustellen: der Großteil der Gubener Antifas, mit denen ich gesprochen habe, fanden unsere Vorgehens¬weise notwendig und richtig. Und genug Streß mit den Neo- Nazis hatten sie vor unserer Ankunft ja wohl zu Genüge gehabt. Daß die Neo-Nazis in Guben auch weiterhin den dortigen Antifas STREß machen werden, dürfte jedem Antifa FRAU/MANN klar sein, auch ohne unsere Unterstützung am ersten September. Zu guter Letzt noch: ich persönlich finde es sehr traurig, so schreiben zu müssen.

HAUT DEN NEO-NAZIS DORT UND ÜBERALL AUF DIE FRESSE,
WO IHR SIE TREFFT !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

ein autonomer Antifaschist (nicht aus Friedrichshain)

PS: Jeder FRAU/MANN dürfte nun auch klar sein, wer hier der profilierungssüchtige MACKER ist. Ich hoffe, daß es ihm durch diesen Artikel doch nicht gelungen ist. Der Tapferkeitsorden wird DIR später überreicht (aber nur, wenn DU das nächste mal DEINE Trefferquote erhöhen kannst).

Guben 1. September [ein Kreutz(iger)Zug?]

– aus BesetzerInnenZeitung, Nr. 3, vom 5. September 1990 –

aus BesetzerInnenZeitung Nr. 3/90
aus BesetzerInnenZeitung Nr. 3/90
BesetzerInnenZeitung Nr. 3/90
BesetzerInnenZeitung Nr. 3/90

Für den 1.September gab es für Guben an der Neiße (Grenzstadt zu Polen) Fascho-Alarm. Die Gerüchte um Störung eines deutsch-polnischen Volksfestes durch Schlesierverbände, Neonazis mit Kühnen oder ähnliche Unholde blieben Gerüchte – glücklicherweise, denn die Beteiligung Nichtgubener Antifas war nicht eben reichlich. Aus Berlin reisten ca. 2o Leute an, größtenteils aus der Kreutziger Straße. Die Aktion lief von Anfang an auf militante Konfrontation mit ansässigen Rechtsradikalen – den Vorwurf der mackerhaften Selbstbestätigung müssen wir uns daher gefallen lassen. Nur die erfolgreiche Verteidigung des einzigen autonomen Hauses von Guben kann unseren Einsatz rechtfertigen und das auch nur, wenn mensch nicht unbedingt davon ausgeht, dass der Fascho-Angriff erst durch unsere Anwesenheit provoziert wurde.

Bei der Verteidigung des Hauses gab es mehrere, teilweise selbstverschuldete ungünstige Faktoren:

1. Das gestörte Verhältnis zu Polizei und Normalbürger (das vor unserer Ankunft ganz gut war). Grund: Stürmung des Fascho-Hauses, kurzzeitige Verhaftung von Antifas durch VoPo / unser in Guben äußerst befremdlich wirkendes Äußeres.
2. Mangelhafter Ausbau des Hauses (Ausgang vorn verbaut, einziger Ausgang zum Hof/ausgedehnten Garten ohne direkten Zugang zur Straße, Spitzdach mit Laufstegen, wenig Wurfmaterial, keine Mollis)
3. Das Verhalten der Gubener Besetzerinnen selbst (keine Erfahrung im Abwehrkampf, geteilte Meinungen zum Einsatz von Gewalt, kameradschaftliche / verwandtschaftliche Verbindung zu Angreifern und dadurch Hemmungen, teilweise Angst, mangelhafte Ausrüstung (Helme!)).
4. Nichteingreifen der Polizei trotz massiver Präsenz (sperrten nur Seitenstraßen ab) – na toll !!!

Guben 1. September [ein Kreutz(iger)Zug?]
aus BesetzerInnenZeitung Nr. 3/90
Die Verteidigung des Hauses gegen die 80 bis 100 „Faschos“, deren Anrücken sehr früh vermeldet wurde, lag größtenteils in unseren Händen. Die geringe Verteidigerzahl(ca. 35) glich sich wirkungsvoll durch überlegene Ausrüstung aus. Zwillen und Pyros trafen zwar mehrmals, in einem wohl auch ziemlich schwer, nur vertreiben konnte mensch die Typen so nicht. Die etwa 3o Minuten (unter den Augen der Bullen!) lagen wir unter Steinbeschuß, teilweise mit Schleudern – dank der Helme gab es bei den seltenen Treffern keine Verletzungen. Glas ging auch kaum zu Bruch.

Guben 1. September [ein Kreutz(iger)Zug?]
aus BesetzerInnenZeitung Nr. 3/90
Taktisch gab es (wie immer) Mängel, Die Faschos teilten sich nach den ersten Geschossen in eine passive und in eine aktive Gruppe links und rechts vom Haus. Auf Distanz gehalten, machten sie gar nicht erst den Versuch einer ernsthaften Bestürmung und beschränkten sich auf Steine, einzelne Pyros und Sprechblasen (Heil Hitler, Sieg Heil, Chaoten nach Auschwitz, CHaoten zurück nach Kreuzberg, linke raus, Rote vergasen, Rudolf Hess und anderer üblicher Brei). Abgestimmte Pyro-Salven hätten die Trefferquote wesentlich erhöhen können, da die Typen den einzelnen Geschossen stets rechtzeitig auswichen. Die geplante Verteidigung des Hofs/Garten mit unseren Fahrzeugen fiel aus, da die meisten von uns sehr schnell wieder im Haus verschwanden – die Faschos trauten sieb eh nicht in den ausgedehnten arten hinter dem Haus. Ein Ausfall analog Mainzer Straße zu Pfingsten kam nicht zustande. Er scheiterte an der hartnäckigen Weigerung der ansässigen BesetzerInnen, uns hinauszulassen (wir wären wahnsinnig, usw.). Die Erfolgsaussichten eines Ausfalls standen relativ gut. Die Angst der Faschos vor den „Kreuzberger Chaoten“, mehrere hysterische Frauen im Pulk, die sicher als erste Flucht ergriffen und eins auf Panik gemacht hätten, unsere Kampferfahrung + bessere Ausrüstung + echte Wut).

Noch während des Abwehrkampfes begann die Hatz auf verstreute Faschos in den Nebenstraßen, etwa sechs Typen erwischte es dabei, zum Teil recht arg – dabei typisch die immer nur halbherzige Gegenwehr (Angst!!). Wenig später wurden wir durch die Bullen an weiteren Aktionen gehindert. Gegen 2.3o Uhr verließen wir unter Polizeigeleit die Stadt.
Im Ganzen einigermaßen zufriedenstellend: keine eigenen Verletzten, die Gegenseite mindestens zehn.
Nur ein erfolgreicher Ausfall (oder Bullenknüppel) hätte Ruhe gebracht. Jetzt werden die Faschos im Bewusstsein ihrer Stärke immer wieder kommen. Vielleicht nicht mehr in dieser Masse. Die Folgen haben ohnehin die Gubener BesetzerInnen zu tragen. Insofern war es ein Kriegsspiel auf Kosten anderer.
Unsere Abfahrt hat nicht nur die Gubener Polizei mit Erleichterung zur Kenntnis genommen.

aus BesetzerInnenZeitung Nr. 3/90
aus BesetzerInnenZeitung Nr. 3/90

In der BesetzerInnen Zeitung Nr. 4, vom 12. September 1990 wurde eine Reaktion und harte Kritik auf diesen Beitrag, sowie am Autor abgedruckt.