Offener Brief an Ingrid Köppe vom Bündnis 90

– aus BesetzerInnen Zeitung, Nr. 00, vom 6. August 1990 –

Flugblatt: Kein Dialog mit Faschisten!
Flugblatt: Kein Dialog mit Faschisten!

Ihren Vorschlag zu einem Dialog zwischen der faschistischen „Nationalen Alternative“ und den „Autonomen“ halten wir für falsch und gefährlich. Aus unserem antifaschistischen Selbstverständnis ergibt sich, dass wir uns zu keinem Zeitpunkt und unter keinen Umständen mit Nazis an einen Tisch setzen werden.
Dazu erklären wir:

1. Der Versuch das Problem des erstarkenden Neofaschismus in der DDR und in der BRD auf das Niveau von rivalisierenden Jugendbanden zu reduzieren, ist demagogisch. Der Straßenterror, der von faschistischen Gruppierungen wie der NA, FAP, den Hooligans usw. ausgeht, ist eine Spielart des momentan stattfindenden Rechtsruckes, welcher in der sozialen und ökonomischen Unsicherheit begründet liegt. Besonders ekelhaft wird dieser Rechtsruck durch den geschürten Vereinigungstaumel, der Chauvinismus jedweder Prägung nach oben spült. Daran wird wieder deutlich, dass in der DDR wie in der BRD keine ehrliche und umfassende Auseinandersetzung mit dem Faschismus stattgefunden hat.

Es geht also nicht um einzelne Faschisten, es geht nicht darum, wer von denen wann wen zusammengeschlagen hat, sondern wir müssen den Faschismus als dem kapitalistischen System innewohnend begreifen.
In diesem Sinne ist ein Podium von dem herab die Nazis ihre Propagandaleitsätze verkünden, nicht nur unnütz, sondern gefährlich. Es dient dazu, redegewandte Vertreter dieser Ideologie salonfähig zu machen, das Beispiel Schönhuber zeigt dies.

2. Uns Bewohnerinnen der Mainzer Str. mit den Nazis der Weitlingstr. gleichzusetzen ist politisch unverschämt und moralisch verkommen, weil die Nationale Alternative und deren Anhänger sich‘ in der Tradition der SA und somit des Völkermordes und der Barbarei des NS-Regimes verstehen. Diese Gleichsetzung macht Glauben, es gebe kein Faschismus- sondern ein “Radikalenproblem“; bezeichnend ist dabei, dass Sie dieses Thema erst aufgegriffen haben, nachdem Linke, Ausländerinnen, Schwule, Lesben u.a. begonnen haben, sich selbstorganisiert zu wehren.

3. Offensichtlich geht es Ihnen also für sich und Bündnis 90/ Grüne um einen Profilierungsversuch im beginnenden Wahlkampf. Auch Veranstaltungen wie die “Talkshow mit fechten und linken Jugend¬lichen“ mit dem bezeichnenden Titel “Mit Eisenstangen und Brandbomben“ passen in diese Schiene!
Wir lassen uns vor diesen Karren nicht spannen!
Wir werden uns weiterhin gegen den Naziterror wehren. Unsere Solidarität gehört dabei all denen, die durch Faschisten ebenfalls bedroht sind.

Das Straßenplenum der besetzten Häuser Mainzer Straße
Berlin- Friedrichshain, den 11. Juli 1990

Faschistischer Terror auf dem Ostbahnhof gegen AusländerInnen

– aus BesetzerInnen Zeitung, Nr. 00, vom 6. August 1990 –

21.07.90 Samstag
Der Zug Warschau – Paris kommt an. Die Bahnpolizei versucht Polen am Aussteigen zu hindern, mit der Begrün¬dung, sie könnten ja woanders aussteigen. Die Leute drängen aus dem Zug und werden von der BePo vertrieben. Wasserwerfer, Gas, Knüppel werden angewandt, Hunde haben sie außerdem dabei.

24.07.90 Dienstag
10 – 12 Faschos, Nazis (ca. 20 – 25 Jahre) halten sich in der Nähe der Gepäckfächer auf. Eine kleinere Gruppe Bulgaren geht zu den Gepäckfächern. Ein Bulgare wird von einer Bierflasche im Gesicht getroffen, ein Anderer, von den Nazis/ Faschos zusammengeschlagen, die Anderen fliehen. BePo-Einsatz.

27.07.90 Freitag ca. 21.00 Uhr
Bulgaren, Rumänen schlafen im Bahnhof. Sie werden mittels Knüppeleinsatz geräumt und sammeln sich auf dem Parkplatz vor dem Ostbahnhof. BePo rückt an und treibt die Leute auseinander. Tränengaspistolen und Wasserwerfer werden eingesetzt. Es entsteht eine Paniksituation, die Leute werfen ihr Gepäck in die Büsche, Taschen und Pässe verschwinden.

28.07.90 Samstag ca. 20.00 Uhr
Bahnpolizisten stoßen einen Bulgaren die Treppe zu den Gepäckfächern runter. Die Bereitschaftspolizei räumt den Bahnhof. 13 Bulgaren werden verhaftet, mit Handschellen abgeführt. Die BePo’s sind ausgerüstet mit Helmen, Schildern, Knüppeln, Hunden.

29.07.90 Sonntag ca. 14.00 Uhr
Nur Trapos da und ca. 15 Leute die von den Bulgaren wiedererkannt werden, als Nazis, ca. 24.00 Uhr.
Es sind ungefähr 30 Antifaschistinnen auf dem Ostbahnhof, ca. 1.00 Uhr
15 LO’s kommen, die Bulgaren und Rumänen gehen, bevor sie abgeräumt werden können auf den Mauerstreifen. Die Bullen sind in aggressiver Siegerstimmung.

30.07.90 Montag ca. 8.00 oder 9.00 Uhr
Einsatzbullen verjagen die Leute vom Mauerstreifen

Allgemeines:
z.Z., 29.07.90 15.00 Uhr
sind noch ca. 10 Bulgaren in Haft.

Jeden Tag sind auch Faschos auf dem Bahnhof, mit ziemlicher Sicherheit immer die Gleichen.

Der Bulgare mit der Gesichtsverletzung wurde ins Krankenhaus geliefert.
Die BePo’s knüppeln gezielt auf die Köpfe und sind teilweise mit Maschinenpistolen bewaffnet.

Das Rote Kreuz verweigert jegliche Hilfeleitstung (Tablettenausgabe bei Schmerzen)

Ab 1.08.90 tritt eine Visarpflicht für Bulgaren in Kraft, d.h. bis Mittwoch werden’viele Bulgaren am Ostbahnhof
anreisen.

BUNDESWEITE DEMONSTRATION GEGEN NATIONALE EUPHORIE

– aus BesetzerInnen Zeitung Nr. 00, vom 6. August 1990 –

Das Bündnis „Radikale Linke“, das schon die Demonstration „Nie wieder Deutschland“ am 12. Mai in Frankfurt organisiert hat, hat auf seinem Kongress Anfang Juni in Köln beschlossen, zu einer Großdemonstration um den 9. November 1990 herum aufzurufen.
Als möglicher Ort ist Berlin im Gespräch. Auf Einladung der Radikalen Linken Berlin haben sich am 13.7. bis zu 80 Leute getroffen und das Demo- Projekt grundsätzlich befürwortet. Anwesend waren Menschen aus folgenden Spektren: Noch- Grüne, Schon- nicht- mehr Grüne (Ökosozialistlnnen), VSP, KB, PDS, VL, Unabhängiger Frauenverband, PDS-Ini(WB) und zahlreiche Unorganisierte.

In er Diskussion wurden folgende inhaltliche Schwerpunkte für die Demonstration benannt:
– Bezug zum 9. November 1938, an dem der NS-Staat zu seinem mörderischen Angriff auf die jüdische Bevölkerung ansetzte.
– Benennen der faschistischen Kontinuitäten in der BRD (Politik, Justiz, Medizin…) und der Verdrängungsleistung der deutschen Bevölkerung, die ihre Beteiligung am faschistischen* Geschehen geleugnet hat und leugnet, und die die Zerschlagung der national¬sozialistischen Herrschaft bis heute als Niederlage begreift. Die daraus resultierende Teilung Deutschlands wurde stets als ungerechte Bestrafung aufgefasst.
– Der 9. November 1989 wird nun als Tag der Befreiung gefeiert werden und die NS- Geschichte soll endgültig entsorgt werden.
– Der deutsche Imperialismus ist auf allen Ebenen in der Offensive: Zerschlagung und Annektion der DDR, Eroberung der osteuropäischen Märkte, Erringung der Hegemonie innerhalb der EG.
– Verdrängen aller kritischen und linken Ansätze ins gesellschaftliche Abseits als Folge des Zusammenbruchs des realen Sozialismus.
– Antisemitismus ist wieder salonfähig, Rassismus ist integraler Bestandteil deutscher Herrschaft: tägliche physische Angriffe auf Immigrantinnen oder schwarze Deutsche, das neue „Ausländergesetz“, das auf konsequente Ausweisung zielt, Abschottung eines weißen Europas gegen jede Immigration.

Wir laden Euch zum ersten TrägerInnenntreffen für die Demonstration ein:
am: Montag, 6.8.90 um: 19.30 Uhr
im: Türkenzentrum, Schinkestr.8-9,1/44 U-Bahnhof Kottbusser Damm

Neben organisatorischen Fragen soll über oben angerissene Inhalte diskutiert werden. Angesichts der Lage in dieser Stadt erscheint uns über die Demo hinaus eine Aktionswoche/ Kampagne nötig, die möglichst breit getragen ist und sich massiv deutschen Nationalismus und Rassismus entgegenstellt. Im Zentrum müsste auch eine Mobilisierung gegen das „Ausländergesetz“ stehen.

Eingabe des Infoladen Bandito Rosso, an den Magistrat von Berlin (Ost), zum faschistischen Charakter der NA-Tarnorganisation WOSAN

– aus BesetzerInnen Zeitung, Nr. 3, vom 5. September 1990 –

Infoladen Bandito Rosso
Lottumstraße 10a
Berlin 1054

An den Magistrat von Berlin
Stadtrat für Inneres Herrn Thomas Krüger
Berliner Rathaus Jüdenstraße
Berlin 1020

Berlin am 17.08. 1990

Werter Herr Stadtrat Krüger!

In verschiedenen Verlautbarungen haben Sie in den letzten sechs Wochen erklärt, das ,,Problem Weitlingstraße“ ,,durch Gespräche“ und ,,ohne Polizeieinsatz vom Tisch“ bekommen zu wollen. Zum 16. Juli 1990 sollten, nach Ihrer Aussage, die Bewohner der Weitlingstraße 122 das Haus verlassen haben.
Festzustellen bleibt heute: es hat sich nichts getan, Ihren Ankündigungen sind keine wirklichen Handlungen gefolgt. Dieser Umstand sowie Ihre, über die Presse zu verfolgenden offenbaren Schwierigkeiten, die Situation zu differenzieren und sich eine Meinung zu bilden, nötigen uns zu folgenden Fragen.

1. Wie stellen Sie sich zu der Tatsache, daß die Vereinbarung, die der Rat des Stadtbezirkes Lichtenberg mit den Bewohnern der Weitlingstraße getroffen und unterzeichnet hat, von Ihrem Verhandlungspartner, der ,,Initiative für Wohnraumsanierung“ (WOSAN) durch den nichterfolgten Auszug gebrochen worden ist? Welche Konsequenzen wird dieser Vertragsbruch, haben?

2. Wie stellen Sie sich zu dem Umstand, daß das Haus Weitlingstraße 122 de facto kein besetztes Haus ist, sondern den Bewohnern durch den Rat des Stadtbezirks Lichtenberg als Ausweichobjekt für ein ursprünglich besetztes Haus in der Türschmidtstraße übergeben worden ist? Ist diesem Umstand Ihr zögerliches Vorgehen gegenüber den Bewohnern in der Weitlingstraße geschuldet?

3. Ist Ihnen bzw. einer Ihrer Verwaltung nachgeordneter Behörde bekannt, daß WOSAN noch zwei weitere Häuser in Berlin vertritt? Wenn ja, um welche Häuser handelt es sich und wie ist dort die Rechtslage?

4. Ist Ihnen weiterhin bekannt, daß es sich bei WOSAN, um eine Tarnorganisation der ,,Nationalen Alternative“ handelt? Mindestens zwei Gründungsmitglieder der ,Nationalen Alternative“, Heiko Baumert und Ingo Hasselbach (vergleiche Eintragung im Parteienregister beim Präsidium der Volkskammer Reg.nr. 39/90 nebst Anlagen), sind identisch mit zwei Gründungsmitgliedern der WOSAN und haben auch die schon erwähnte Vereinbarung unterzeichnet.

5. Ist Ihnen bekannt, daß sich unter den Mitgliedern der WOSAN mit Protokoll ein gewisser Gottfried Küssel befindet der auch Mitglied der neofaschistischen VAPO (Volkstreue Außerparlamentarische Opposition Österreichs) ist und darüber- hinaus die Funktion eines Organisationsleiters bei der neofaschistischen ,,Deutschen Alternative“ wahrnimmt? Darüber hinaus trägt die Anmeldung der ,,Initiative WOSAN“ beim Vereinsregister des Bezirksgerichtes Berlin die Unterschrift von Oliver Schweigert, der Mitglied der neofaschistischen FAP (Freiheitliche Arbeiterpartei) in West-Berlin ist.

6. Wie stellen Sie sich, bei dieser Sachlage, zu der Tatsache, daß WOSAN e.V. den Status eines gemeinnützigen Vereins beantragt hat?

7. Ist Ihnen bekannt, daß die erwähnte ,,Nationale Alternative“ auf dem Gebiet der DDR den legalistischen Arm der neofaschistischen ,,Deutschen Alternative“ aus der BRD darstellt, für diese agitiert und Mitglieder wirbt?

8. Ist Ihnen bekannt, daß mehrere Bewohner der Weitlingstraße bzw. Mitglieder des WOSAN e.V. bzw. Mitglieder der
,,Nationalen Alternative“ als Delirierte beim ,,Parteitag“ der ,,Deutschen Alternative“ in Cottbus anwesend waren’ (Vergleiche Filmausnahmen in der ARD-Fernsehsendung ,,Deutschland erwache – Die Wiedervereinigung der Neo-Nazis» vom 9.8.1990, 20 Uhr 15)

Angesichts der in unseren Fragen geschilderten Sachverhalte möchten wir von Ihnen, Herr Stadtrat Krüger, wissen, was si4 in den nächsten Wochen und Monaten gegenüber dem ,,Problem Weitlingstraße“ unternehmen wollen und wie Sie sich zu der Tatsache des sich generell verstärkenden Auftretens neofa¬schistischer, profaschistischer und rechtsradikaler Gruppen ihren Vernetzungen untereinander sowie ihren militanten ‚ sowohl als auch politischen Aktivitäten verhalten wollen.
Wir bitten Sie, dieses Schreiben als Eingabe gemäß der (nach wie vor gültigen) Eingabenordnung der DDR zu behandeln.

Hochachtungsvoll
Infoladen Bandito Rosso

Naziangriff & Saufen mit Nazis? Ein öffentlicher Diskurs zwischen besetzten Häusern.

– aus der BesetzerInnen Zeitung Nr. 1, vom 22. August 1990 –

Pfarrstraße: Wir haben die Schnauze voll!

BesetzerInnenZeitung, Nr. 1 vom 22.08.1990
BesetzerInnenZeitung, Nr. 1 vom 22.08.1990

Die Pfarrstraße ist uns allen ja seit längerem bekannt durch eine Vielzahl von Schoten, die sie sich bisher dort geleistet haben (Magistratsauftritt, Einzelverhandlungsbereitschaft, Kommunikation mit Faschos). Für uns und hoffentlich für alle ist klar, dass es weder Einzelverhandlungen, noch Kommunikation mit Faschos (saufen, Nichtangriffspakte) geben darf, weil es einem linken Selbstverständnis widerspricht und das Häuserbündnis gefährdet.

Für alle, die es noch nicht wissen: Es ist auch möglich, direkt aus der Pfarrstraße und nicht aus der Weitlingstraße angegriffen zu werden.

Angriff auf die Jessner Straße 41
Mittwoch (15.8.90), 1.00 Uhr nachts, wurde das Jessica-Proll-Haus von 6 Faschos mit Leuchtspurmunition angegriffen. Als wir begannen uns zu verteidigen, flüchteten die Faschos über den Traveplatz.
Wir nahmen die Verfolgung mit dem Auto auf, konnten sie aber nicht mehr finden und fuhren direkt in die Mainzer Straße. Anschließend begaben wir uns auf den Weg in die Pfarrstraße, um die Leute dort zu warnen. Dort bot sich uns ein entsetzliches Bild. Vor der Kneipe sahen wir 2 Bier in ihren hohlen Kopf schüttende Faschos und gingen zur Theke, um zu erzählen, was abgegangen ist. Dort erfuhren wir, dass an diesem Tag ein Treffen mit Lichtenberger Faschos, Besetzern (natürlich aus der Pfarrstraße) und Leuten vom Bezirksamt statt¬gefunden hat. Sämtliche Anwesenden betonten, wie wichtig es sei, mit Faschos zu labern und gingen auf den Angriff gar nicht ein. Außerdem sagte man uns, dass eine halbe Stunde vorher 6 Faschos aus der Pfarrstraße Richtung Friedrichshain gezogen sind. Offensichtlich hält man es in der Pfarrstraße nicht einmal für nötig, verbündete Häuser zu warnen! Die Jessner 41 ist ein abseitsstehendes Haus und leider nur etwa 4oo Meter von der Pfarrstraße entfernt, soweit, wie zum nächsten befreundeten besetzten Haus. Uns reicht´s!!! Wir fühlen uns von der Pfarrstraße bedroht! Wäre es nicht besser, wenn sie ein Bündnis mit der ihnen politisch anscheinend näherstehenden Weitlingstraße schließen?!

Entschließt Euch endlich!!!
KEIN FUßBREIT DEM FASCHISMUS
gez.: einige BesetzerInnen der Jessner Straße 41

– aus der BesetzerInnen Zeitung Nr. 3, vom 5. September 1990 –

Stellungnahme der Pfarrstraße zu dem Artikel der Jessenerstrasse in der BesetzerInnenZeitung Nr. 1 vom 22. August 1990

BesetzerInnenZeitung Nr. 3/90
BesetzerInnenZeitung Nr. 3/90

Zuallererst: Dass ihr nach dem Fascho-Angriff total sauer ward ist völlig
klar, da gibt’s nichts zu entschuldigen. Dass Leute mit den Faschos sitzen ge¬blieben sind, nachdem klar war, dass die Jessner angegriffen worden ist, ist nur peinlich sonst nichts. Danach ist sehr viel Selbstkritik geübt worden und inzwischen ist wohl auch der/dem Letzten klar, dass sowohl die Gespräche mit den Faschos, als auch die fehlende Solidarität absolut daneben waren, so etwas wird nicht mehr vorkommen.

Ein paar Anmerkungen dazu, wie es gekommen ist.
In der Pfarrstraße sind fünf Häuser besetzt. Dies bedeutet ein Haufen unterschiedlicher Leute mit der gleichen Menge an unterschiedlichen Meinungen.
Viele von uns haben/hatten keine politische Erfahrung – Hausbesetzungen eingeschlossen.

Wir sind aufgrund unserer „besonderen“ geographischen Loge von Anfang an sehr stark mit der Fascho-Problematik konfrontiert worden und leider ist es hier in Lichtenberg, als nächste Nachbarn einer Fascho- Hochburg ein wenig einsam. Von der vielbeschworenen Solidarität haben wir bisher nicht viel ge¬merkt. Das hat bei uns sicher nicht zu dem Gefühl beigetragen, sich auf andere Häuser verlassen zu können.

All dies hat zu der Illusion geführt, durch Gespräche etwas erreichen zu können. Es war eine Illusion – das haben wir gelernt und das müsst ihr auch jetzt akzeptieren.

Ähnlich verhält es sich mit der Position der Pfarrstraße zu gemeinsamen Verhandlungen und zu dem B-Rat. Es gab sehr kontroverse Meinungen und anfangs war es schwer zu sagen, welche Position die Pfarrstraße einnehmen würde. Die Widerstände gegen gemeinsame Verhandlungen resultierten hauptsächlich daraus, dass viele Leute schlecht oder gar nicht informiert waren. Dies hat sich geändert nachdem einige aus der Straße vehemente Aufklärungsarbeit geleistet haben, in den Gremien mitarbeiten etc. Im letzten Straßengremium gab es keine Stimme mehr gegen den B-Rat und das Verhandlungsgremium.

Dies wäre schneller gegangen, wenn Leute wie Ihr, die ihr schon wesentlich länger in euern Häusern seid, mal vorbeigekommen wären und euch informiert hättet. Warum seid Ihr nicht vor dem Artikel zu uns gekommen um zu erfahren was zum Henker hier los ist?
Vielleicht wäre uns dann der ganze Stress erspart geblieben. Mit euren verbalen Gummiknüppeln erzeugt Ihr nur mehr Missverständnisse und Vorurteile und drängt Leute in eine ganz bestimmte Ecke, anstatt zu informieren und Erfahrungen weiterzugeben.
Allein mit „linkem Selbstverständnis“ kommen wir nicht weiter, da müsst Ihr uns erst einmal erklären was das sein soll. Mit Informieren, guten Argumenten und Unterstützung können wir hingegen sehr viel anfangen.

Die Pfarrstraße

Scheißaktion am REP Stand!!!

– aus BesetzerInnen Zeitung , Nr. 2, vom 29. August 1990 –

Worum geht es überhaupt?

Am 18.08. bauten die REPs an der Frankfurter Allee, neben dem gleichnami¬gen U-Bahnausgang, einen Infostand auf. Es war klar, dass wir das nicht einfach hinnehmen konnten, vor allem weil der Standort (nähe Mainzer) als Provokation angesehen wurde. Genaueres war nicht bekannt, die einzige Information war ein Artikel im „Neuen Deutschland“. Viel Zeit, etwas auf die Beine zu stellen, war auch nicht. Es gab ein Vorbereitungstreffen, am Tag davor, bei dem beschlossen wurde, die Bürgerinnen aufzuklären (Flugis und Gespräch) und den Infostand zu blockieren (Kette, Mülleimer, Tomaten, …). Nach dem Treffen wurden vorhandene Flugis eingesammelt, weil keine Zeit war, ein neues zu produzieren.

Was passierte dann?

Was dann am Samstagmorgen gegen halb zehn ablief, war die reinste Scheiße! Wie sich durch Meldefahrzeuge herausstellte, bestand der Infostand aus vier REPs mit Auto und einem Sonnenschirm. Ein paar Idiotinnen liefen – sich schon mit Tüchern maskierend – die Treppe von der U-Bahn nach oben, rannten eine Omi um, die sie nicht weiter beachteten, stürzten sich auf den Sonnen¬schirm, warfen REP-Flugis durch die Gegend, verprügelten Leute die wohl wie „Feinde“ aussahen und demolierten sicherheitshalber noch ein in der Nähe stehendes Auto und rannten dann weiter um angebliche Faschos aufzumischen. Nach wenigen Minuten waren die ersten Bullensirenen zu vernehmen und Flucht war angesagt. Das Ganze wurde holographiert und von der „Aktuellen Kamera“ auf Video gebannt.
Na prima!

Das ist nicht nur Fascho-Stil, unüberlegt, nur-provozierend und gegen jede vorherige Abmachung (wo waren die Recken denn bei der Vorbesprechung?), sondern damit wurden die restlichen Leute vor vollendete Tatsachen ge¬stellt: Keine BürgerInnenaufklärung, die Vorbereitung für die Katz, Schlag¬zeilen für die Presse.
Damit wurde das Gegenteil vom Gewollten erreicht. Die Leute sahen prügelnde schwarze Gestalten und geprügelte REPs, womit schon klar ist, wer die Öffentlichkeit auf seiner Seite hat. Ein paar IDIOTEN, die eben mal Lust auf Faschos klatschen hatten, haben die ruhigere Mehrheit in die Scheiße geritten.

Weiter so!
Das ist Gewalt von innen gegen die Ziele der BesetzerInnen! Solche Aktionen machen mehr kaputt als sie einbringen (nämlich ein bisschen Spaß für Schlägertypen). Wir sollten uns überlegen, was dagegen zu tun ist.

Einige Leute aus der Riga 84

LESERBRIEF ZUR AKTION AM SAMSTAG 18.08.9o
Keine Chance den REP’s. Auf der Suche nach dem Konsens!
PANNEAKTION!? —– – – – Versuch einer Darstellung und Kritik irgendeines Autonomen.

Samstagmorgen 8 Uhr Ortszeit. Treffen von fast allen Menschen die beim Vorbereitungstreffen waren. Die haben da (Hauptkritik) kein EA auf die Reihe gekriegt. War auch niemand da der hätte ein Auto organisieren können (Fahrwache). , .

Irgendwann gegen halb zehn die Meldung das REP’s an S – Bahn¬hof Frankfurter Allee, ihren Volksfeindlichen Propaganda¬stand aufbauen. Sichtbar circa 5 – 10 Monster. Konsens beim Vorbereitungstreffen, Flugis verteilen, blockieren des Standes, den BürgerInnen Müllsäcke entgegenhalten für Flugis von Reps, wenn Flugis von uns Alle, Tomaten für Alle, Zerstörung des Standes… – Wiedersehn

1o Uhr Ortszeit (circa) Ankunft von circa 10 Leuten von uns, (Fahrradfahrer deshalb schneller) beim Klassenfeind.
Kamera ab. Fernsehteam von AK. 3 Heinzen der REP-s mit Fotoappa¬raten. Der Ton läuft. Wir sind alle unvermummt. Zwecks Konsens bla bla ………….
In nähere Umgebung tauchen immer mehr Faschos auf, die sich etwas weiter abseits halten, da zu radikal (Für Demokratenreps) die Stimmung und Stake steigt. Verstärkung aus der U-Bahn. Vermummte rennen Richtung Stand. Irgendein Typ macht die Leute an, wegen Vermummung (Vorbereitungstreffen Konsens bla bla). Kamera läuft. Die ersten Schweine kriegen auf die Fresse. Ne alte Oma wird umge-rissen. Mensch hilft ihr auf, dann weiter die Klassenfeinde. Es wird grad das Auto von den Heinzen platt gemacht, als die ersten Bullen in Westausstattung auftauchten. Rufe wieder den gemeinsamen Rückzug anzutreten. Vermummte und Unvermummt. Einer brüllte da sind Faschos oben auf den Bahnhof. Viele brüllen Quatsch, gemeinsam abhauen (wozu auch noch total gut Zeit war) hier lang nicht im Bahnhof rein (Falle). Spaltung …. den Rest kennt Ihr ja. Siehe Gedächtnisprotokoll der Verhafteten).

Nachbereitungstreffen, wütende Diskussion ob eines genannten Fehlverhaltens aller, viele einzelner, einiger …

Mir ist klar, dass dieser Text einseitig ist, nicht alles enthält was abging und wohl in erster Linie keinen Zeitungsmäßigen Stil hat. Betrachtet ihn als Leserbrief. Da ich noch nie einen Artikel von mir veröffentlicht habe.
Wäre geil, wenn inna nächsten BZ sich jemand äußert. Bis denne …

aus PROTOKOLL…
… vom letzten Friedelhainer Häuserrat am 19.8.90

5) Diskussion über das letzte Wochenende – Psychos, REP-Stand-Aktion … allgemein wurde kritisiert, dass sich Leute nicht an Absprachen gehalten haben bzw. die Absprachen schlecht vermittelt wurden und dadurch die eigenen Leute gefährdet bzw. festgenommen wurden, von der mangelhaften politischen Vermittelbarkeit von zusammengetretenen Rentnern ganz abgesehen… weiter ging es um das Mackerverhalten einiger bestimmter Typen, die sich im Eifer des Gefechts anscheinend auch nicht mehr so ganz unter Kontrolle hatten (z.B. Freitagabend in der Kreutziger) und wie denn mit solchen Leuten oder solchen Vorfällen umgegangen werden kann – Diskussion unter uns führen, öffentliche Diskussion, was tun im konkreten Augenblick? Im Zusammenhang mit den Festnahmen ging es auch um Aussageverhalten, Aufklärung über Bullentaktiken und rechtliche Situation ist wohl gerade bei jüngeren Leuten nötig, auch wenn es vielen von uns selbstverständlich vorkommt, B. gegen¬über nix zu sagen oder zu unterschreiben oder nicht von der Wache aus im besetzten Zuhause anzurufen. Die meisten Anwesenden fanden, die Bildung einer festen EA-Gruppe, die sich z.B. auch um Kontakte zu Ost-AnwältInnen kümmern könnte, sei überfällig – vielleicht finden sich ja doch einige mal zusammen dafür. Aus dem Häuserrat heraus war eine Initiative dafür jeden¬falls nicht möglich, es wurde noch darauf hingewiesen, dass in der Mainzer Leute daran diskutieren. …

Faschistischer Angriff auf besetzte Häuser Marchstraße/Einsteinufer (Berlin-West) zurück geschlagen?!

– aus BesetzerInnen-Zeitung, Nr. 2, vom 29 August 1990 –

BesetzerInnenZeitung, Nr. 2 vom 29.08.1990
BesetzerInnenZeitung, Nr. 2 vom 29.08.1990

Am Samstag, den 25.8. griffen ca.6 Neonazis um 0.30 Ohr das besetzte Haus Marchstr.23 an. Sie bewarfen die Bewohnerinnen mit Pflastersteinen und Flaschen, zerstörten einige Fenster. Als die Bewohnerinnen sie entlang des Einsteinufers verfolgten, wurden sie aus einem Hinterhalt von weiteren 9 Faschisten mit Eisenstangen, Baseballkeulen und CS-Gas angegriffen. Dabei wurden 2 Bewohnerinnen verletzt. Trotzdem gelang es die Neonazis mit Hilfe einiger „ausländischer“ Passantinnen zurückzuschlagen. Die Gruppe flüchtete, unbehelligt von einer inzwischen eingetroffenen Polizeistreife, mit 2 wahrscheinlich Westberliner Militärgeländewagen entlang der Cauerstr. in Richtung Otto-Suhr-Alle. Es waren Glatzen mit Bomberjacken, sowie Faschos mit HJ-Schnitten und Hemden, alle Mitte 20, z.T. waren sie mit Kapuzenpullis vermummt. Geflohen sind sie mit u.a. einem Kübelwagen(eckiger Jeep) mit ockerfarbenen Flecken auf olivgrünem Untergrund(Wüstentarnung), der ein W- Berliner Kennzeichen hatte.

Nach dem Angriff erfuhren wir von einem Anwohner aus dem Einsteinufer, daß sich schon gegen 20.00 Uhr ca. 10 Faschos am Kanal(Einsteinufer) aufgehalten haben, da wo sie nachher hinter einem Gebüsch liegend ihren Verfolgern aufgelauert haben.

Das ganze Vorgehen der Faschisten wirkte organisiert und wurde durch Befehle einzelner koordiniert. Das alles läßt auf eine Gruppe organisierter Neofaschisten schließen. j
Die Westberliner Polizei bewies am Samstag erneut ihr Desinteresse, gegen Faschisten vorzugehen. Während diese unter den Augen der Beamten flüchten konnten, hielten sich ca. ein Dutzend Bereitschaftspolizisten vor dem Gelände Marchstr/Einsteinufer auf, um die Bewohnerinnen zu observieren. Dabei ver¬suchten sie, einen Verletzten zu verhören und waren erst nach wiederholter Aufforderung bereit, einen Krankenwagen zu benachrichtigen.

Nachdem schon seit der Maueröffnung Übergriffe von Neofaschisten auf Flüchtlinge, Homosexuelle und Linke v.a. in Ostber¬lin immer häufiger und brutaler wurden, ist dies der erste größere Angriff von Neonazis auf besetzte Häuser in W-Berlin. Unsere Häuser vor faschistischen Angriffen zu schützen ist möglich aber zu wenig. Laßt uns gemeinsam die Faschisten von den Straßen vertreiben!

DIE ANTIFASCHISTISCHE SELBSTHILFE ORGANISIEREN!!
SCHLAGT DIE FASCHISTEN WENN IHR SIE TREFFT!!
TREFFT DIE FASCHISTEN WENN IHR SIE SCHLAGT!!

Die Antifaschistische Demonstration in Berlin-Lichtenberg, am 24. Juni 1990, Teil1

– erschienen in der Zeitschrift telegraph, Nr. 12/90, vom 10. Juli 1990 –

Antifaschistische Demonstration in Berlin-Lichtenberg

Zu der in Presse und Rundfunk vielfältig kommentierten antifaschistischen Demonstration im Ostberliner Stadtbezirk Lichtenberg hatte ein breites Spektrum von vielen autonomen Gruppen in Ost- und Westberlin, über besetzte Häuser, UFV, Vereinigte Linke, Teilen des Neuen Forums, der Umwelt-Bibliothek, KW bis zum Bund der Antifaschisten aufgerufen.

Es gab im Vorfeld lange Diskussionen über die Demo-Route. Die Überlegung, an den Häusern der faschistischen Zentrale der „Nationalen Alternative“ vorbeizugehen, wurde wieder fallen gelassen. Dabei waren die Hauptargumente, dass die Faschisten in den Häusern unberechenbar sind und daher Angriffe und Verletzungen vor allem von Bündnisteilnehmerinnen nicht ausgeschlossen sind. Außerdem wurde die Lage richtig eingeschätzt, was die Entschlossenheit Einzelner betraf, gegen die „NA“-Zentrale vorzugehen. Die Demo wäre schon nach einigen Minuten beendet gewesen, während das Hauptziel der Demonstration die politische Manifestation von Antifaschismus im Stadtteil Lichtenberg sein sollte. Auch war klar, dass am Demo-Tag die Polizei massiv die faschistischen Häuser absichern wird. Eine Kompromiss-Route wurde gefunden, die in der Nähe der faschistischen Häuser vorbeiging, über den Bahnhof Lichtenberg, wo es oft zu Überfällen von Faschisten auf Ausländerinnen kommt, zum Ausländerinnenwohnheim und dann zurück in die Nähe der „NA“-Häuser. wo eine Abschlusskundgebung geplant war.

Diese Demo-Route wurde vom Rat des Stadtbezirkes Lichtenberg verboten. Derselbe Rat, der vor einigen Wochen den Aufenthalt der Faschisten in der Weitlingstraße durch Verträge legalisierte. Nach Verhandlungen mit verschiedenen Gremien wurde die Demo-Route doch noch kurz vor Demo-Beginn erlaubt.

Im Vorfeld lief In der Presse eine Entmobilisierungskampagne. Die Demo-Aufrufe und Presseerklärungen der aufrufenden Gruppen wurden so gut wie nicht veröffentlicht, verzerrt oder taz-typisch völlig verfälscht.

Das Ergebnis der Presseveröffentlichung und die Tatsache, dass wahrscheinlich fast alle Bündnis-Gruppen nur politisch die Demo unterstützten („Wir müssen Ja alle fürn Antifaschismus sein!“), ohne aber selbst zu mobilisieren oder wenigstens selbst zu erscheinen, war, dass von den Bündnis-Gruppen vielleicht 100 Personen da waren. Der Charakter der Demo war somit fast rein autonom. Aber auch die 4.000 Autonomen aus Ost- und Westberlin waren zahlenmäßig enttäuschend. Auch in der DDR entsteht Jetzt das Bild: Antifaschismus = Autonome = Militanz. Das und somit auch den Verlauf der Demo haben zu einem großen Teil die 10.000 nicht gekommenen Menschen von PDS bis zum Neuen Forum zu verantworten.

Die Grundstimmung der Demonstration war von Beginn an gezeichnet vom militärischen Outfit und der spürbaren Ungeduld. Die Westberlinerlnnen durften endlich wieder einmal ihre schmucken schwarzen Helme vorführen, einige Ostberlinerinnen konnten gut mit ausgedienten Uniformteilen der NVA und der Roten Armee mithalten. Es sah aus wie bei einer Rittermodenschau.

Die Demo ging trübe los, mit Musik zum Frühstück und einleitenden Worten, die wieder einmal Nichtnachvollziehbarkeit und geschichtliche Ignoranz zum Ausdruck brachten. Da wurde erklärt, dass es ungewöhnlich sei, dass die Demo an einer Kirche los ginge und dass es jetzt durch einen Stadtteil geht, wo Linke nicht erwünscht seien, es also ganz anders als in Westberlin sei.

Davon ausgehend, dass die Westberlinerinnen sich im Ausland befanden und im Ausland eine Demo mitmachten, war zu erwarten, dass sie sich mit dem gesellschaftlichen Kontext in der DDR auseinandersetzen und auch nicht versuchen, ihre Weisheiten der Demonstration aufzudrücken. Diese Verhaltensformen, eigene Erfahrungen als die Aller anzusehen und damit zu dominieren, waren während der ganzen Demo spürbar.

Als die Demo das erste Mal in die Nähe der Weitlingstraße kam, wurden Polizeiketten mit Westschildern und Westberatern zum Absperren der Seitenstraßen eingesetzt. Unnötige Provokation durch Auffahren von Räumfahrzeugen, Wasserwerfern und kläffenden Hunden. Auch wurde nach westlichem Vorbild eine Spalierkette vorgeführt.

Unnötige Provokationen und Steinwürfe vor allem Westberliner durchgeknallter Männer gegen die Polizeiketten ließ den Demo-Zug stocken, riss den Demo-Zug nach dem Lautsprecherwagen auseinander. Ab da war es klar, dass die Demo aus zwei Gruppen bestand, Eine Gruppe, die die Demo als politisches Mittel sah, antifaschistische Aktion vor den Augen der wütenden Faschisten zu demonstrieren und die Menschen im Stadtteil erreichen wollte und vor allem ab da schon sah, dass ein militärisches Vorgehen gegen die faschistische NA-Zentrale zum Debakel führen würde. Die andere Gruppe bestand aus durchgeknallten Männern, die Ihren mitgebrachten Hass und Munition loswerden wollten.

Die Demo führte dann am Lichtenberger Bahnhof vorbei, an dem eine Zwischenkundgebung stattfand, zu dem AusländerInnenwohnheim in der Hans-Loch-Strasse. Unterwegs wurde ein Camel-Wagen seiner Fracht entledigt.

Am Haus, in dem Mocambiquanerlnnen wohnen, wurde eine Kundgebungspause eingelegt. Die versprochenen Vorgespräche mit den Bewoh­nerinnen hatten wahrscheinlich nicht stattgefunden. Es bedurfte Überredungskünste, um die AusländerInnenbetreuerinnen dazu zu bewegen, die Türen zu öffnen. Ein Mocambiquaner hielt ein Redebeitrag; er freute sich

angemacht und die Demo gefährdet (keine geschlossenen Reihen nach dem Lautsprecherwagen, Leuchtkugel-Geschosse und Knaller sinnlos um die Köpfe geballert, eigene Leute durch Steine verletzt).

Was bleibt: Das Ziel einer politischen antifaschistischen Manifestation im Stadtteil und vor den faschistischen Häusern ist ansatzweise geglückt. Nach der Demo und dem Straßenkampf gibt es aber mehr Ablehnung als Sympathie im Stadtteil. Es gibt einen kleinen Versuch der Kontaktaufnahme mit den Ausländerinnen in Lichtenberg und das Thema der faschistischen NA-Zentrale musste wieder In der Presse und im Innenministerium als Problem artikuliert werden. Mittlerweile ist die NA-Zentrale verlegt worden. Das Problem ist also nicht erledigt sondern verlagert.

Zu hoffen bleibt, dass es eine Auseinandersetzung mit den schwachsinnigen Machokämpfern gibt und eine Klärungsfindung über Militanz stattfindet. Militante Aktionen müssen militärisch durchsetzbar, politisch erklärbar und in der Bevölkerung vermittelbar sein. Der Faschismus ist militärisch nicht zu besiegen, das müssten langsam auch die letzten Typen kapieren. Auch in den zwanziger, dreißiger Jahren hat es der Rot-Frontkämpferbund, der viel besser militärisch und organisatorisch drauf war, nicht geschafft, den Faschismus zurückzuschlagen.

Vor uns steht die viel schwierigere Frage, wie können wir gemeinsam in Ost und West in den nächsten Jahren in einem kapitalistischen Deutschland den aufkommenden Nationalismus, Faschismus und Sexismus wirksam entgegentreten. Die Beantwortung oder Suche nach Ansätzen bleibt zur Zeit auf der Strecke.

d.t.

Kommentar
Einige Gedanken zur Antifa-Demonstration in Ost-Berlin

Von „Bild“-Zeitung bis „Junge Welt“ wurde am Montag den Leserinnen grosser Massenblätter das gleiche geboten: „Die blutige Schlacht der Westchaoten“ („Bild“). „400 Radikale inszenierten blutigen Krawall“ („ND“), „Extremistische Krawalle nach antifaschistischer Demonstration“ („BZ“-Ost), „Am Ende siegte nur der Hass“ („Junge Welt“). Das war der Höhepunkt der Pressekampagne gegen die Demo. Schon im Vorfeld gab es diverse Falschmeldungen zur Ankündigung der Demo, wurde die Presseerklärung der Demo-Organisatoren erst gar nicht abgedruckt und der Aufruf zur Demo gar nicht oder gekürzt und „bearbeitet“ veröffentlicht.

Dann das Bündnis. 41 Gruppen auf dem Aufruf. Von Autonomen, Antifa-Gruppen bis hin zu Grünen, VL Jugendorganisationen. Jedoch glänzten letztere durch Abwesenheit. Anscheinend war auch keine Mobilisierung in diesen Reihen gelaufen. Offenbar glauben die Politniks dieser „demokratischen Organisationen“, dass die Unterschrift unter einen Aufruf antifaschistisches Bekenntnis genug sei. Folglich war die Demo zu ca. 90 % durch autonomes Spektrum geprägt. Schwarze Kleidung, vermummte Gesichter, Helme, optische Demoausrüstung aus jahrelanger Erfahrung mit Polizei und Kameras in Ost und West, aber auch innere Angst vor den Faschisten. Immerhin kamen trotzdem 5000, das beweist, dass das autonome Spektrum sehr wohl in der Lage ist, Massen zu mobilisieren, wenn auch noch keine Hunderttausende, und sie noch lange nicht isoliert sind. Jedoch hätten bei der Demo gut und gern Zehntausende sein können, wäre eine Mobilisie­rung nicht von bürgerlicher Presse und von den „demokratischen“ Parteien blockiert, bzw. nicht durchgeführt worden.

Und der Staat. Erst versucht der Stadtbezirksbürgermeister die Demoroute umzulegen, sie In die Seitenstraßen und möglichst weit weg vom Grund der Demonstration zu drücken. Als das nicht klappt, lässt man massiv Bullen auffahren. 2500 Bullen (offiziell spricht man von 500) bilden einen massiven Sperrriegel. Ausgerüstet mit Helmen, Schilden, Knüppeln, Räumfahrzeugen und Wasserwerfern.

Was während der Demo von Seiten der Demonstranten lief, war eine Mischung zwischen teilweise militantem Säbelgerassel, sich in Sprechchören entäussernden Emotionen und Wut auf Faschos und die schützend vor diesen stehenden Polizei. Dennoch war es aber größtenteils eine Bekundung antifaschistischen Bewusstseins. Die Demo schwappte hin und her zwischen politischer Bekundung, Langeweile und Aktionismus. Dies alles kompensierte sich dann Lück /Ecke Ruprechtstrasse und geriet unkontrolliert zum Ausbruch, wurde zum Stellvertretergefecht mit den Bullen. Sie bekamen ab, was eigentlich die Faschos abkriegen müssten. Zum Glück war der größte Teil der Demonstranten diszipliniert genug, die Demonstration zu Ende zu führen.

Den 500 Angreifern schien aber die Demo nur zweitrangig zu sein.

Nun kann man/frau sagen, dass die Polizei selber schuld ist, wenn sie sich vor die Faschisten stellt. Ich halte es jedoch für fragwürdig, ob dieser Angriff zu diesem Zeitpunkt irgendwie sinnvoll war. Die Chance, gerade dort einen Durchbruch zu den Häusern zu schaffen, war von vornherein gering. Weiterhin wurde die Demo damit hochgradig gefährdet. Gegen durchdachte und vor allem disziplinierte militante Aktionen mit Aussicht auf Erfolg ist erst einmal nichts zu sagen, aber*was dort ablief war nicht mehr als eine Präsentation von Machogehabe und Waffenschau, Demonstration von Superman-Mentalität. Hier ging es meiner Meinung nach nicht um die Durchsetzung politischer Ziele, sondern um das bloße Abreagieren von Emotionen. Militanz und Radikalität heißt nicht, präsentiert die Eisenstangen, haut drauf, sondern politisches Bewusstsein, abschätzen der strategischen Situation und verantwortungsbewusstes, überlegtes Handeln. So hätte es z.B. auf keinen Fall passieren dürfen, dass Demonstrantinnen von hinten aus den eigenen Reihen durch Steine verletzt wurden. Die lachenden Dritten waren jedenfalls die Faschos.

Ein Trost bleibt. Das Thema „Nationale Alternative“ und Weitlingstraße
ist nun in aller Munde, die Regierung steht unter Druck. Die Faschisten
wissen, dass sie mit einer starken antifaschistischen Kraft zu rechnen haben und dass nicht jeden Tag 2500 Polizisten zu ihrem Schutz zur Verfügung stehen. Nun kommt es darauf an, den öffentlichen Druck nicht abklingen zu lassen, sondern ihn zu verstärken. Denn erst einmal ist die „NA“ noch immer legal, existieren die besetzten Häuser in der Weitlingstraße, provokant, menschenverachtend und über der Nummer 122 weht immer noch die Reichskriegsflagge.                               d.w.

Bestimmt der Stein das Bewusstsein?

Erklärung der Umwelt-Bibliothek Berlin zu den Vorfällen während der Antifa-Demonstration gegen die Nazihäuser in der Ostberliner Weitlingstraße

Wir gehören zu den Unterzeichnerinnen und Teilnehmerinnen der Demonstration gegen die Berliner Zentrale der „Nationalen Alternative“ in der Weitlingstraße. Wir schämen uns und wir sind zornig. Mit der Demonstration wurde nicht das erreicht, was wir wollten, sondern das genaue Gegenteil. Und das Schlimmste: ohne Sinn und Verstand und ohne irgendeinen Grund wurden eine Reihe von Menschen zum Teil schwer verletzt

Es ging uns bei der Demonstration darum, einen weiten Konsens von Berliner Bevölkerung, Gruppen, Organisationen und Parteien gegen die mittlerweile fast täglichen Überfalle auf Passantinnen und Häuser zu zeigen, die nachweislich aus der NA-Zentrale in der Weitlingstraße gesteuert werden. Leider konnten wir schon im Aufruf zu dieser Demonstration diese notwendige Breite nicht erreichen. Wir richten das als Vorwurf an die Leute vom Bündnis 90, denen offenbar die Auftritte in der Volkskammer wesentlichster Lebensinhalt und Basisarbeit Nebensache geworden ist Kein einziger von den Prominenten des Bündnisses war erschienen und eine Mobilisierung der Anhängerinnen hat offenbar gar nicht stattgefunden. Bedrückt hat uns, dass darüber hinaus kaum Leute aus der Berliner Bevölkerung erschienen waren. Offenbar ist die allgemeine Situation so traumatisch, dass kaum jemand mehr Mut und Lust findet, für allgemeine Belange einzutreten.

Die Demonstration bestand also im Wesentlichen aus denen, die im Westen und mehr noch im Osten Opfer von Naziangriffen wurden, Bewohnerinnen von besetzten Häusern, Leute, die wegen ihres ungewöhnlichen Aussehens zusammengeschlagen wurden, aber auch normale Straßenpassantlnnen, denen das gleiche aus irgendeinem Grund widerfuhr. Diese Demonstrationsteilnehmerinnen hatten zwei Erfahrungen: Sie kannten die hemmungslose Brutalität der Nazis und sie wussten, dass sich die Polizei bei Überfällen auf besetzte Häuser, wenn überhaupt, nur zögernd und sparsam einstellt Demgegenüber wurden die Nazihäuser in der Weitlingstraße von 2.500 Polizisten vor den Demonstrantinnen geschützt. Entsprechend war die allgemeine Stimmung von Empörung und Hass bestimmt.

Wir waren nicht besonders begeistert, als wir sahen, dass ein Teil der Demonstranten seit Beginn mit Schlagstöcken aus Holz und Stahl und mit Gaspistolen ausgerüstet war. Wir haben angenommen, dass das sinnvoll sein könnte, falls die Polizei uns nicht vor einem Naziangriff schützen kann oder die Polizei ohne Begründung die Demonstration angreift (wie es letztens in Westberlin bei einer Behinderten-Demonstration geschah).

Es geschah aber das völlige Gegenteil. Die Polizei hielt sich zurück, obwohl sie von Schlagstock schwingenden Demonstrationsteilnehmern provoziert wurde. Als z.B. ein Polizist harte Drohungen mit einem Schimpfwort beantwortete, wurde das genutzt, um ihn tätlich anzugreifen. Pflastersteine wurden ohne Grund geworfen, aus Gaspistolen auf die Polizei geschossen. Die Eskalation endete dann in der bekannten Schlacht

Es ist zwar richtig, dass der Großteil der Demonstrantinnen sich nicht an diesen Aktionen beteiligte. Wir haben aber auch nicht genug getan, um uns von dieser knüppelschwingenden „Leibgarde“ zu befreien. Soweit allerdings Demonstrantlnnen diese Aktivisten zurückzuhalten suchten, wurden sie ebenfalls mit dem Knüppel bedroht, geschlagen oder auch nur als Weichling oder Spitzel beschimpft.

Wir glauben, dass diese Art von Militanz nichts mehr mit den Inhalten einer linken Bewegung zu tun hat Die Veränderung einer Gesellschaft ist leider nicht ganz ohne Gewalt möglich. Es handelt sich dabei aber immer, wie in der DDR seit Oktober zu sehen war, um eine Verteidigung der Bevölkerung gegen die Herrschenden, um Notwehr. Gewalt und Unterdrückung bedingen sich in einer patriarchalischen Gesellschaft gegenseitig. Sie beginnen mit der Unterdrückung von Frauen und anderen Mitmenschen und enden bei der organisierten militärischen und politischen Unterdrückung der Bevölkerung.

Wir wollen eine Gesellschaft, in der Gewalt und Unterdrückung beendet sind. Der Kampf um diese Gesellschaft kann nicht von einem militarisierten „bewusstesten Vortrupp“ von „Berufsrevolutionären“ geführt werden. Eine Bewegung, die eine solche „Avantgarde“ akzeptiert, wird zum Schluss von ihr vergewaltigt werden, wie das so oft in der Vergangenheit geschehen ist Wir wollen nicht von bewaffneten Berufsrevolutionären geschützt werden. Wir schützen uns selbst, nicht mit militärischen Mitteln, sondern mit der oft verhöhnten Kraft der Schwachen, mit der wir schon einmal ein Regime besiegt haben. Wir denken mit dem Kopf und fühlen mit dem Bauch, nicht umgekehrt.

Es geht uns nach wie vor um die Auflösung der NA-Zentrale in der Weitlingstraße und das Verbot der NA. Das kann aber nur ein Anfang sein. Es geht nicht nur darum, dass sich die Bürgerinnen endlich wieder auf der Strasse sicher fühlen können. Weit wichtiger ist ein systematisches Programm zur gesellschaftlichen Sozialisation von Zehntausenden dissozial isierter Jugendlicher, die im Moment nur von Nazis „betreut“ werden. Diese unselbständigen und autoritätsgläubigen Jugendlichen sind das schwere Erbe, das uns. das Erziehungssystem des alten Regimes hinterlassen hat. Was in deren Köpfen an Unrat wuchs, kann nicht mit militärischer Gewalt beseitigt werden, sondern nur mit zäher, geduldiger Arbeit. Ein wesentliches und bisher völlig fehlendes Fundament der Arbeit der Antifa-Gruppen muss deshalb Informationsarbeit in Schulen, Jugend- und Freizeitzentren und anderen Orten sein, an denen Jugendliche erreichbar sind, die Erstellung von Material für interessierte Lehrer und Sozialarbeiter, alle möglichen Formen von Öffentlich­keitsarbeit

Ein Diskussionsprozess über das Verhalten bei Demonstrationen muss dringend geführt werden. Dabei wird man/frau sich von Leuten trennen müssen, die gleichgültig in der Wahl ihrer Mittel sind. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel. Die angewandten Mittel müssen dem Ziel entsprechen.

Umwelt-Bibliothek Berlin

Die Antifaschistische Demonstration in Berlin-Lichtenberg, am 24. Juni 1990, Teil2

– erschienen in der Zeitschrift telegraph, Nr. 13/90, vom 6. August 1990 –

Ein denkwürdiges Dokument

Fraktion der CDU                      Datum der Tagung
der Stadtbezirksversammlung           9. Juli 1990
Berlin-Lichtenberg

Antrag der CDU Fraktion

Betr.: Beschluss zur Einleitung notwendiger Massnahmen gegen den Radika­lismus im Stadtbezirk Berlin-Lichtenberg Die Stadtbezirksversammlung wolle beschliessen: (Auszug)
3. Die Stadtbezirksversammlung ersucht den Stadtrat für Inneres Ermittlungen gegen die Organisationen einzuleiten, die sich hinter der Bezeichnung „Antifa-Info-Telefon 2292912“ verbergen, die mit einer Flugblattaktion (siehe Anlage) die Verantwortung für die Ausschreitungen vom 23. Juni 1990 übernommen hat und zu weiteren terroristischen Aktionen aufruft.
Die zuständigen Stellen beim Magistrat bzw. bei der Volkskammer werden ersucht im Ergebnis der Ermittlungen die notwendigen Schritte gemäss Vereinigungsgesetz 3 Absatz 2 und 21 einzuleiten.

Den Antrag haben PDS und SPD unterstützt!!

Auszug aus dem Antifa-Flugblatt auf den sich der CDU-Antrag bezieht!

In Gesprächen mit Anwohnerinnen und Anwohnern haben wir erfahren, dass die Vermummung der Demonstrationsteilnehmerinnen und –teilnehmer kritisiert wurde. Wir wissen aber, dass die Faschisten „Schwarze Listen“ mit Fotos von aktiven Antifaschistinnen und Antifaschisten anfertigen. Deshalb mussten wir aus Gründen des Selbstschutzes unsere Gesichter verhüllen.

Ein anderer Kritikpunkt waren die Sprühereien an Häuserwänden. Wir finden, dass die Notwendigkeit des antifaschistischen Kampfes nicht oft genug ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden kann. Sollte uns allen nicht der Kampf für eine Welt ohne Nazis wichtiger sein als eine saubere Hauswand ?

Anmerkung:

Die CDU hat weiterhin einen Antrag eingebracht, indem die Veranstalter der Antifa-Demo zum Schadenersatz bezüglich der Schäden der Lichten­berg-Demo in Höhe vom 80 000 DM zur Verantwortung gezogen werden sollten. (Unterstützt von PDS/SPD)

Kein Forum für Faschisten

Dialogspiele im Nachfeld der Lichtenberger Demonstration

Nach der umstrittenen Antifa-Demo in Lichtenberg kam es zu Distanzie­rungen und Diffamierungen seitens der meisten Bündnisgruppen und zu einer notwendigen Auseinandersetzung innerhalb der Demoteilnehmerinnen.

Die faschistische Zentrale in der Weitlingstr. 122 besteht trotzdem weiter. Populistisch und bürgernah versucht die „Nationale Alternative“ sich einen Schafspelz anzulegen.

Die nach der Demo vom Innensenator Thomas Krüger so gelobten Verhandlungen mit der NA und WOSAN und ihrer Zusage des freiwilligen Auszugs aus der Weitlingstrasse erscheinen als gutorganisierter Flop. Die jetzigen Bewohnerinnen in der Weitlingstrasse gedenken nicht, freiwillig zu gehen. In dieser Situation kam es darauf an, den Faschisten in Lichtenberg keinen Stich zu lassen, die fasch. Zentrale zu räumen und die begonnenen Kontakte mit den Ausländerinnen zu intensivieren.

In einer Situation, wo nachlassende Wachsamkeit und zurückgehende antifaschistische Organisierung zu solchen Ereignissen führen, wie nach dem WM-Fussballendspiel, als sich nach dem „totalen Sieg“ Hooligans und faschistische Skins viel zu lange im Prenzlauer Berg und den anderen Stadt­teilen rumtreiben und randalieren konnten.

In dieser Situation spukte (spukt?) eine Forderung in den Köpfen von Bündnismenschen und Kultur-„Autonomen“ herum – Dialog mit Faschisten!

Genau dies wollten einige Leute im Podiumsgespräch unter der Überschrift „Antifaschismus und Terrorismus – Eisenstangen und Leuchtgeschosse“ öffentlich vorführen. Die Initiatoren dieser Diskussionsrunde waren Radio P, Leute von Tacheles (Multikulturelles Zentrum), Jugendverband RAJV (der wohl noch 3 Mitglieder hat) und Bärbel Bohley. Die Diskussions-„Kontrahenten“ sollten ein Einsatzleiter der VOPO aus Lichtenberg und zwei Faschisten der Nationalen Alternative (NA) sein.

Einen Tag vor der Veranstaltung, am 12. 7., trafen sich die verschiedenen Antifa-Gruppen und andere unabhängige Menschen zur Koordinierung zur Verhinderung der geplanten Veranstaltung. Es kam zu harten Auseinan­dersetzungen mit Vertretern aus dem Tacheles und von Radio P.

Die Diskussion war gereizt und die Dummheit oder gewollte Taktik der Organisatoren erschreckend.

Ein Kompromissvorschlag der Antifas, das Podium umzustellen, Poli­zei und Faschisten rauszuschmeissen und dann gemeinsam über antifaschistische Selbstorganisierung zu reden wurde von den Organisatoren ignoriert.

Dann nahm Jutta Braband (VL), ihre Zusage zurück – sie wusste nichts von einer Beteiligung von Faschisten am Podium. Bärbel Bohley lehnte die Teilnahme ab, da für sie die „Ausgewogenheit“ der Podiumsbesetzung nicht gegeben war, da die Autonomen nicht mitmachten. Das und der Entzug der Raumerlaubnis in der Akademie der Künste durch den dortigen Vorstand und die angekündigte Blockadeabsicht brachte die Organisatoren nicht zum Einlenken. Sie versuchten weiterhin, an ihrem Konzept festzuhalten.

Am 12. 7., eine Stunde vor Beginn der geplanten Veranstaltung fand vor der Akademie die angekündigte Gegenkundgebung statt. Viele hatten über Medien von der Absage der Veranstaltung gehört, aber 200 Leute kamen noch gut zusammen.

Die Aktion war durch das Nichtstattfinden der Veranstaltung ein Erfolg.

Diese Veranstaltung hätte den Faschisten ein Podium geboten, von dem aus sie ihre menschenverachtende Propaganda verbreiten hätten können und die NA als akzeptabler Gesprächspartner wäre zu einer gesellschaftlichen Gruppe im „demokratischen Disput“ aufgewertet worden.

Es ist klar, dass sich die Faschisten auf eine menschenverachtende Ideologie berufen. Mit Befürwortern von Massenmord und Angriffskriegen ist ein Dialog nicht möglich. Trotzdem ist die Auffassung, dass mit organisierten Faschisten öffentlich diskutiert werden kann und soll leider weit verbreitet.

Das Thema Faschismus wird zu eine Art Jugendbandenkrieg verfälscht Der Faschismus wird auf ein Randproblem reduziert, Rassismus, Nationalismus und Sexismus damit geschützt und geduldet.

Zur Fussball-WM wurde „Sieg-Sieg-Sieg“ und „Sieg heil“ gegrölt, Ausländerinnen wird der Arbeitsvertrag gekündigt, an der Grenze nach Süden und Osten wird eine neue Mauer errichtet.

Wo Nationalismus Staatspolitik ist, Rassismus Tugend, dort werden die „NA“ und andere faschistische Gruppierungen bald akzeptabler Koalitionspartner sein. Menschen, die sich dagegen wehren, werden kriminalisiert und diffamiert. Praktischer Antifaschismus ist zur Zeit leider aar Abwehrkampf. Das direkte Vorgehen gegen Nazis, da wo sie auftreten, greift nicht gegen gesellschaftliche Tendenzen wie Arbeitslosigkeit. Wollen wir über dieses Verhältnis hinauskommen – wollen wir dem Faschismus jegliche Grundlage entziehen, müssen wir grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen erreichen. Die Diffamierungskampagne, die nach der Lichtenberger Antifa-Demonstration einsetzte und die verschiedenen

Bei einer antifaschistischen Gegendemo zum Aufmarsch der faschistischen. Nationalen Front gingen katholische und evangelische Kirche gemeinsam mit Schwulen, Lesben, Alternativen und Anarchos. Den Demoschutz organisierte ERA-Symphatisanten. Antifas griffen währendessen den Nationalen Front Aufmarsch an. Die gegenseitige Akzeptanz unter­schiedlicher Aktionsformen ohne Diffamierung und Spaltung lässt eine gesellschaftliche breite antifaschistische Aktionsfront entstehen. Sie waren und sind sich in einem wesentlichen Punkt einig und setzen es in Praxis um -keinen Fussbreit den Faschisten – kein Forum für Faschisten.  d.t.

Fotos: Nazi-Hools randalieren auf dem Alexanderplatz

24. März 1990: Nazi-Hools des Berliner Fußballklub Dynamo (BFC) randalieren nach einem Punktspiel auf dem Alexanderplatz.

Sie liefern sich Scharmützel mit der Volkspolizei, greifen Linke, sowie  AusländerInnen an und verwüsten den bekannten Schwulen-Treff „Espresso“.

Gegen 21:00 werden die Neonazis von etwa 100 Antifas angegriffen und endgültig verjagt.


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