Am Abend des 9. November 1989 hockte ich in Potsdam auf einem Podium. Neben mir saßen ein Vertreter der jüdi¬schen Gemeinde, Heinz Vietze - vormals Jugendfunktionär, seit kurzem 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung -, einige aufge¬regte Jugendliche sowie Offizielle, an deren Namen und Amt ich mich nicht erinnere.
Anlass der kurzfristig anberaumten Diskussionsrunde, die, wie die meis¬ten in jenen Wochen, in einem über¬füllten Saal stattfand, war ein in jeder Hinsicht skandalöser Vorgang: Ju¬gendliche hatten in der Bezirksstadt mit einer Lichterkette an das faschi¬stische Pogrom vor 52 Jahren erin¬nert. Die Volkspolizei hatte sich etli¬che Mädchen und Jungen gegriffen und »zugeführt«. Die Begründung war formal-rechtlich korrekt, weshalb man sich ihrer offenkundig bis heute be¬dient: Die Demonstration war nicht angemeldet worden. Jedoch änderte dies nichts an der beschämenden Tatsache, dass eine eindeutig antifaschisti¬sche Bekundung von den Exekutivor¬ganen eines antifaschistischen Staa¬tes unterbunden worden war. Das vor allem hatte nicht wenige in Potsdam aufgebracht.
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