Antifa-Gruppen in den 80er Jahren Seit 1983 nahmen die offenen Aktivitäten von faschistischen Gruppen, zum größten Teil rechtsgerichtete Skinheads und Fußballfans, sprunghaft zu. Es kam immer wieder zu Überfällen auf Ausländerinnen, Punks, linksalternativ Gekleidete und Oppositionelle. In dieser Zeit bildeten sich auch feste faschistische Gruppierungen, die sich zum Beispiel "Bewegung 30. Januar" (in Anlehnung an die Machtergreifung der Nazis am 30.1.1933) oder "Bucher Front" nannten. Die faschistischen Gruppen hatten damals bereits Kontakte mit Westberliner Faschisten, die in der Folgezeit intensiviert wurden. Die DDR-Behörden reagierten auf diese Entwicklung sehr unterschiedlich. Zum einen wurde mit verschärfter Repression geantwortet und zum anderen der Versuch unternommen, die faschistischen Gruppen zu unterwandern, um sie zu kontrollieren. In der Öffentlichkeit war das Thema "Faschisten in der DDR" tabu. Während die SED-treuen Organisationen wie das "Komitee der Antifaschisten oder die FDJ antifaschistische Traditionspflege betrieben und den Menschen von klein auf den "antifaschistischen" Charakter der DDR eintrichterten, ignorierte man die öffentlichen Erscheinungen des aufkommenden Neofaschismus in der DDR und erklärte sie für nicht existent. Der Überfall von Nazi-Skinheads auf ein Punk-Konzert in der Ostberliner Zionskirche im Oktober 1987, hatte in zweierlei Hinsicht Signalwirkung. Zum einen erhöhte sich die zahl der offenen Übergriffe von Nazis und Skinheads zum anderen regte sich erstmals selbstorganisierten Widerstand. Während das Groh der der DDR-Oppositionsbewegung derartiges als Nebenwiederspruch abgetat und Antifabestrebungen belächelte, wurden besonders von Jugendlichen, vor allem aus der Punkszene, Versuche unternommen, selbstorganisierte Antifagruppen aufzubauen. Gründungsversuch einer Anti-Nazi-Liga in Berlin 1987 In Berlin findet sich unmittelbar nach dem Überfall auf die Zions-Kirche eine Gruppe betroffener zusammen, um eine Anti-Nazi-Liga zu gründen. jedoch kommt man nie aus dem Gründungsstatus heraus. Zu verschiedene sind dieVorstellungen, zu defuse ist die Zielsetzung. Die Anti-Nazi-Liga Dresden Auch in Dresden war der Zionüberfall der Auslöser für die Gründung einer Antifa-Gruppe. Federführend agierte hier die anarchistisch angehauchte Oppositionsgruppe Wolfspelz. So bestand zwischen der Anti-Nazi-Liga Dresden und der Gruppe Wolfspelz faktisch Personalunion. ihre tatsächlichen Aktivitäten waren dann auch sehr bescheiden. Ein Flugblatt wurde gefertigt und in Dresden verteilt. Eine Infoveranstaltung in verschiedenen Kirchen in Dresden durchgeführt. darüber hinaus tauchte die "Anti-Nazi-Liga Dresden" nur noch auf gelegentlichen Unterschriftenlisten auf. SVK-Halle und Brandenburg Der Versuch sich gegen faschistische Gewalt zu wehren, führte 1988 in Halle dazu, dass sich innerhalb der Hallenser Punkszene militante Straßengangs bildeten und den Nazis Paroli zu bieten, indem sie zu den gleichen Methoden wie die Nazis griffen. Sie trainierten Kampfsport, bewaffneten sich und machten Jagd auf alle, die nur wie Nazis oder Skinheads aussahen. Zu allem Überfluss gaben sie sich selbst einen Namen, der noch heute äußerst Fragwürdig erscheint: "Skinhead-Vernichtungs-Kommandos (SVK)". Da es innerhalb dieser Gruppierung keinerlei inhaltlichen Diskussionen oder thematischer Arbeit kam, löste sie sich schnell auf. In der Stadt Brandenburg soll ein Ableger der SVK existiert haben, allerdings beruht dies nur auf damalige Behauptungen Hallenser SVKler. Antifa Potsdam Nach dem Überfall auf Zion kam es in Potsdam verstärkt zu Aktionen von Faschos. Auch hier war es die ansässige Punkszene, die den Schritt, hin zur antifaschistischen Selbsthilfe, unternahm. Im Gegensatz zu den zuvor beschriebenen Beispielen, stand in Potsdam ein aufklärerischer/systemkritischer Ansatz im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Man war von Anfang an um Kontinuität bemüht, um ein schnelles Versickern, wie zum Beispiel in Dresden, zu verhindern. So traf man sich wöchentlich in einer kirchlichen Ausbildungsstelle und diskutierte, anfänglich diffus, über die Gründe von Faschismus und versuchten sich an einer allgemeine Systemanalyse der DDR. Es bestand unter ihnen die Hoffnung durch Öffentlichkeitsarbeit wie einer Flugblattaktion "Warnung Neonazis auch in der DDR" Druck auf die Staatlichen Stellen auszuüben und sie zu öffentliche Stellungnahmen zwingen zu können. Als schnelle Erfolge ausblieben, blieben viele Leute weg. Besonders den, von Aktionismus getriebenen, wurde viel zu viel "gelabert". Im Januar 1888 organisierten die Potsdamer eine erste Veranstaltung in der kirchlichen Ausbildungsstätte im gleichen Jahr beim evangelischen Landesjugentreffen Sachsen/Anhalt. Die meisten Besucher waren äußerst interessiert aber erstaunt über die vermittelten Fakten. Im laufe der Zeit gelang es den wenigen Aktivisten Schwerpunkt zu setzen: - Infos über Nazis und Übergriffe sammeln -Kontaktaufnahme zu: SED/FDJ (waren reserviert bis abweisend) letzten überlebenden der jüd. Gemeinde - Arbeitseinsätze auf jüd. Friedhof - Teilnahme an evangelischen Friedensdekade mit Filmprojekt 8mm Schmalspur ohne Ton - Herstellung von Aufklebern, Postkarten Gegen Ende 1988 begannen die Potsdamer Nazis mit organisierten Überfällen gegen Antifas, Meist wurden sie einzeln aufgelauert und verprügelt. Im Winter 1988 kam es zu einer Gegenaktion mit folgen. etwa 100 Punks verübten einen Überfall auf eine, als Nazitreff bekannte, Kneipe. Vier angetroffenen Skinheads wunden teilweise brutal, zusammengeschlagen und die Kneipe verwüstet. Daraufhin wurden einige Punks verhaftet und verurteilt. Die Potsdamer Antifa organisierte eine Kundgebung vor Gericht. Durch die Aktion aufmerksam geworden, bemühte sich die FDJ um Kontakte. Es kam zu einem Treffen mit dem 1. Sekretär der Kreisleitung und Funktionär für Jugend, Sport und Kultur. Es war schnell klar, dass es der FDJ in erster Linie darum ging zu will wissen was läuft und wie Sie Einfluss nehmen kann. Als Zeichen guten Willens ermöglicht die FDJ im Sommer 1989 eine Veranstaltung der Antifa in einer Potsdamer Schule. Jedoch gerät die Gruppe durch die Kontakte zur FDJ in einen Zwiespalt. Man will sich nicht verkaufen, sieht aber die Möglichkeit die sich bei einer intensiveren Zusammenarbeit eröffnen. Parallel dazu läst man eigene Aktionen nicht außer acht. Pfingsten 1989 wird ein Fußballturnier organisiert. Die bereits im Frühjahr 1989 entstandene Idee eines Antifa-Festes wird mit beginn des Sommers umgesetzt. Nach langwierigen Verhandlungen mit der Potsdamer Erlöserkirche, staatlichen Stellen und dem evangelischen Superintendenten Potsdam, Kontaktaufnahmen mit anderen Gruppen wird ein Termin festgelegt. Für den 29.07.89 gehen Einladungen in andere Städte und nach Westberlin. Bei den Sicherheitsorganen läuteten alle Alarmglocken. Dies geht aus dem Bericht der MfS-Bezirksverwaltung Potsdam vom 30 Juli 1989 deutlich hervor: "...Information über den Verlauf und wesentliche inhaltliche Aspekte des am 29. 7. 1989 in den Gemeinderäumen der "Erlöserkirchgemeinde" Potsdam durchgeführten "l. Potsdamer Antifa-Tages" Der so genannte "Erste Potsdamer Antifatag" wurde wie angekündigt am 29.7. 1989 in der Zeit von 15.00 - 20.00 Uhr im Gemeinderaum der "Eriöserkirchgemeinde" Potsdam (Nansenstraße) unter Mitnutzung des Außengeländes (Garten- und Freifläche) unter Teilnahme von ca. 300 Jugendlichen/Jungerwachsenen aus der DDR, Berlin-West und Osterreich durchgeführt. Bei den Jugendlichen/Jungerwachsenen handelte es sich fast ausschließlich um so genannte Punks, die sich durch Aussehen und Kleidung auch als solche darstellten. Entsprechend dem Ziel der Organisatoren sollte dieses Treffen dazu dienen, in verschiedenen Orten der DDR wirkende "Anti-Skinhead-Gruppen" zusammenzuführen, Erfahrungen auszutauschen und Voraussetzungen für ein einheitliches Vorgehen dieser Gruppen gegen angeblich in der DDR zunehmend feststellbare Tendenzen des Neonazismus/Neofaschismus sowie Ausländerhass abzustimmen. Das Treffen war in Schaukästen verschiedener Potsdamer Kirchen mittels eines Plakates (Foto) angekündigt worden. Die Einladung der Teilnehmer erfolgte jedoch vorrangig dadurch, dass es über bestehende überregionale Kontakte und Verbindungen propagiert wurde. Die im Vorfeld der Veranstaltung ausgesprochene staatliche Erwartungshaltung, insbesondere die Orientierung auf einen Dialog mit Potsdamer Teilnehmern, hat bei den Veranstaltern nicht zu den erwarteten Handlungen geführt. Vorliegende Informationen bestätigten, dass bis zuletzt um die Teilnahme "alternativer" Gruppen und Einzelpersonen in anderen Bezirken geworben wurde. Durch abgestimmte Maßnahmen konnte der Zulauf dadurch minimiert werden, dass die Anreise mehrerer Gruppen aus anderen Bezirken durch vor Ort realisierte vorbeugende Maßnahmen verhindert wurde. Als Organisatoren des Treffens wirkten (wie vorinformiert) die Mitglieder der so genannten "Anti-Skinhead-Liga" in Potsdam, der als Sozialdiakon im Bereich der Friedrichskirchgemeinde tätige Gunnar SCHULZ sowie der Gemeindepfarrer KWASCHIK, der wegen Urlaubs selbst nicht teilnahm. Von den Aktivisten der so genannten "Anti-Skinhead-Liga" wird KWASCHIK als das geistige Oberhaupt anerkannt. (...) Die (...) Erkenntnisse über Verlauf und Inhalt des " l. Potsdamer Antifa-Tages" bestätigen und erhärten die vorliegenden Einschätzungen zu den Plänen und Absichten der Organisatoren und der Zielstellung dieses Treffens. Vorliegenden Einschätzungen zufolge diente dieses Treffen vorrangig zwei Zielen: 1. der Zusammenführung in der DDR vereinzelt wirkender Gruppen, die, sich als "Selbsthilfegruppen" charakterisieren und 2. der Schaffung von Voraussetzungen für ein einheitliches und abgestimmtes Handeln auf der Grundlage der vorgetragenen Standpunkte (Ausführungen des MECHTEL und der GRAFENHORST, Aussagen der Vertreter der "Kirche von unten" aus Berlin und Leipzig sowie Verbreitung der "Resolution" und des "Konrad-Weiß-Papiers"). Vorliegende, streng interne Informationen über die Wirkung der Veranstaltung und deren Wertung in Diskussionsrunden außerhalb der Podiumsdiskussionen, aber auch die nachhaltig geäußerten Vorwürfe gegen den Staat und gesellschaftliche Organisationen als die eigentlich Verantwortlichen für das Anwachsen von Neofaschismus und Ausländerhass in der DDR sowie die wiederholt geäußerte Unterstellung (MECHTEL, ERNICKE, Diakon aus Leipzig), dass die sozialistische Gesellschaft und ihr Apparat selbst faschistoid seien, belegen, dass es sich bei den Inspiratoren und Organisatoren der so genannten "Selbsthilfegruppen" nicht um Partner eines ehrlichen Dialogs mit den gesellschaftlichen Organen/Organisationen handelt. (...) Den vorliegenden Erkenntnissen zufolge wurde die inhaltliche Vorbereitung und Ausrichtung des "Antifa Tages" wesentlich durch den Pfarrer KWASCHIK (war wegen Urlaubs nicht anwesend), den Sozialdiakon SCHULZ sowie den MECHTEL und die GRAFENHORST getragen. Die nachweislich von diesen inspirierten und angeregten Aktivitäten werden vorrangig durch die Mitglieder der "Anti-Skinhead-Liga" David BURKHARDT, Kay HANSEN, Rene BOROWSKI, Stefan MARTIN und Ines FRANKE umgesetzt. (...) Vorliegende Erkenntnisse zu den identifizierten Teilnehmern aus Potsdam bestätigen, dass es sich bei diesen um Personen handelt, die regelmäßig an Aktivitäten und Aktionen mit antisozialistischer Zielsetzung teilnehmen, u. a. "Kontrolle" und weitergehende Handlungen zur Diffamierung der Wahlergebnisse in Potsdam, Proteste gegen die Maßnahmen der KP Chinas zur Niederschlagung des konterrevolutionären Rutsches sowie Proteste gegen die Rekonstruktionsmaßnahmen in der Potsdamer Innenstadt. Die abgestimmten und im Zusammenwirken mit der DVP eingeleitet und durchgesetzten Maßnahmen haben sich bewährt und gewährleistet, dass jederzeit die Lage sachlich beurteilt und die staatliche Ordnung und Sicherheit garantiert wurde. Vorbeugende disziplinierende Wirkung zeigten eine angemessene Präsenz der Schutz- und Sicherheitsorgane sowie die Zuführung von 6 Personen durch die DVP. Erneut hat sich bestätigt, dass durch die differenzierte Einflussnahme auf Mitglieder des Gemeindekirchenrates und Amtsträger (geschäftsführender Pfarrer) eine schadensbegrenzende Wirkung erreicht werden konnte. Deutlich wurde aber auch, dass die staatlichen Erwartungshaltungen verbindlicher vorzutragen und ihre Durchsetzung zu fordern sind. Es wird empfohlen, die Stellvertreter für Inneres zu beauftragen, mit den verantwortlichen Amtsträgern auf Kreis- und Bezirksebene den "l. Potsdamer Antifa-Tag" auszuwerten und unter Hinzuziehung weiterer Beispiele zu fordern, dass zukünftig das Auftreten oppositioneller Kräfte mit gesellschaftsfeindlichen Aussagen unterbunden wird..." Etwas mehr als einen Monat später gerät die Antifa-Gruppe erneut ins Visier der Potsdamer Staatssicherheit. am 10.09.1989 versuchte die Gruppe an der traditionellern SED-Propagandakundgebung "für die Opfer des Faschismus" mit eigenen Transparenten teilzunehmen. "...Kreisdienststelle Potsdam Potsdam, 10.09.1989 Information über erfolgte Versuche der Störung der Großkundgebung anlässlich des Internationalen Gedenktages für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftages gegen Faschismus und imperialistischen Krieg in Potsdam Am 10.09. 1989 fand in der Zeit von 10.00 bis 10.50 Uhr in Potsdam, am Mahnmal für die Helden des antifaschistischen Widerstandskampfes auf dem Platz der Einheit eine Großkundgebung mit ca. 50.000 Teilnehmern anlässlich des Internationalen Gedenktages für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftages gegen Faschismus und imperialistischen Krieg statt. Gegen 09.30 Uhr wurde im Rahmen von Filtrierungsmaßnahmen der sich vom Staudenhof in Richtung Kundgebungsort bewegende HANSEN, Kay [(..)] festgestellt, der auf dem Rücken eine aus Polystyrol gefertigte und mit dem Symbol der so genannten Anti-Skin-Liga (zerschlagenes Hakenkreuz) durch Farbauftrag versehenen Platte (30 x 40 cm) trug. Durch die VP erfolgte die Zuführung des H. zum VPKA zur Klärung des Sachverhaltes. Unmittelbar vor Beginn der Kundgebung wurde durch die eingesetzten Sicherungskräfte um 09.50 Uhr festgestellt, dass sich unter den Aufstellung nehmenden Kundgebungsteilnehmern eine Gruppe von Jungerwachsenen mit z. T. dekadentem Äußeren aus verschiedenen Richtungen kommend, ansammelte. Diese Personengruppe hielt sich zu diesem Zeitpunkt etwa 50 m von der Rednertribüne entfernt auf und bewegte sich in diese Richtung. Durch die eingesetzten Sicherungskräfte wurde diese Personengruppe, die sich bis zum Beginn der Kundgebung um 10.00 Uhr bis auf 15 m der Rednertribüne genähert hatte, unter Kontrolle genommen. Ordner der Partei und weitere gesellschaftliche Kräfte waren aufmerksam geworden und unterstützten die Genossen der Schutz- und Sicherungsorgane in ihrem Bemühen, die Personengruppe unter Kontrolle zu halten und zu umstellen. In Reaktion auf Ausführungen des Gen. Vietze, l. Sekretär der Kreisleitung Potsdam der SED, in denen er auf das Erstarken der Neonazis sowie den wachsenden Einfluss der Republikaner in der BRD und WB einging, unternahm gegen 10.30 Uhr ein bisher nicht identifizierter Jungerwachsener aus dieser Gruppe den Versuch, ein, einem Plastebeutel entnommenes Transparent (1,50 m x l m), mit der Aufschrift "Warnung! Neonazis auch in der DDR" zu entfalten und öffentlich zu zeigen. Gleichzeitig traten Einzelpersonen aus dieser Gruppe mit unverständlichen Zwischenrufen störend in Erscheinung. Durch einheitliches entschlossenes und sofortiges Handeln der Sicherungskräfte und gesellschaftlicher Kräfte konnte das vollständige Entfalten und öffentliche Zeigen des Transparents unterbunden werden. Dabei wurde das Transparent in drei Teile zerrissen. Einheitlich handelnd gingen die Sicherungskräfte, die Ordner der Partei sowie weitere gesellschaftliche Kräfte und umstehende Bürger sofort dazu über, die Personengruppe zu isolieren und zum Rand des Kundgebungsplatzes abzudrängen. Während in der Nähe befindliche Kundgebungsteilnehmer mit Beifall und verbaler Zustimmung das Einschreiten gegen die Störer billigten und unterstützten, widersetzten sich die Jungerwachsenen aus der Personengruppe z. T. durch Protest, z. T. durch passives Verhalten und durch Agitieren dem Abdrängen durch die Ordnungskräfte. In ihren Äußerungen gegenüber den handelnden Personen unterstellten sie der DDR ein Defizit im Vorgehen gegen, nach ihrer Auffassung, zunehmende neofaschistische Tendenzen. Während des Abdrängens der Personengruppe kam es zu einer Zersplitterung, infolge 3 identifizierte Jugendliche bzw. Jungerwachsene (QUINTANA, Kottwitz und Sahlmann) sowie der nicht identifizierte Träger des Transparents mit der Aufschrift "Warnung! Neonazis auch in der DDR" entweichen konnten. Die an den Rand des Kundgebungsplatzes gedrängten Personen wurden dort durch Kundgebungsteilnehmer und gesellschaftliche Kräfte mit der Zielstellung, der Unterbindung weiterer Aktivitäten, in Gespräche verwickelt. Es wurde versucht, beschwichtigend und beruhigend auf die Jungerwachsenen einzuwirken. Daraufhin verließen gegen Ende der Kundgebung die Personengruppe den Kundgebungsort in Richtung Friedrich-Ebert.Str. Durch Kräfte der VP wurden 15 Jungerwachsene (Anlage) in der Friedrich-Ebert-Str. außerhalb des Kundgebungsortes festgestellt und zur Klärung des Sachverhaltes zum VPKA zugeführt. Im VPKA Potsdam wurde festgestellt, dass die zugeführte TRÄGER, Ulrike in ihrer Handtasche ein Transparent mit der Aufschrift "Wehret den Anfängen" mit sich führte, ohne dieses öffentlich während der Kundgebung gezeigt zu haben. Zeitgleich zu den Störversuchen während der Kundgebung wurde durch bisher nicht identifizierte Ordnungskräfte ein 1,50 m x l m großes Transparent mit der Aufschrift "Wehret den Anfängen" sichergestellt und an das MfS übergeben. Die, das Transparent mitführende Person, wurde bisher nicht identifiziert. Die Befragungen der 15 zugeführten Personen führten bisher zu folgenden Ergebnissen: 6 Personen waren nicht an den Störversuchen beteiligt und standen nicht in Bezug zum Tathergang. Die Aussagen der befragten Beteiligten sind in sich sehr widersprüchlich, insbesondere bzgl. der Absprachen zur gemeinsamen Teilnahme an der Kundgebung und bezgl. der Zeitpunkte der Kenntnisnahme von der Existenz der Transparente. Nahezu übereinstimmend sagten die befragten Beteiligten aus, dass der Inhalt der Transparente geeignet sei, die Bevölkerung zum verstärkten Kampf gegen angeblich, insbesondere in der Skinhead-Bewegung bestehende neofaschistische Tendenzen aufzurütteln und damit die staatlichen Organe zu zwingen, sich stärker mit dieser Thematik zu befassen, was nach ihrer Auffassung in der DDR in zu geringem Maße geschehe. Die Person, die den Versuch unternahm, das Transparent mit der Aufschrift "Warnung! Neonazis auch in der DDR" zu entfalten und öffentlich zu zeigen, konnte im Ergebnis der Befragungen bisher nicht identifiziert werden. dass die identifizierten und erkannten Kundgebungsteilnehmer KOTTWITZ und SAHLMANN die Initiatoren der Störversuche waren, wird bis jetzt im Wesentlichen nur durch die Aussgen der Angehörigen der Sicherheitsorgane getragen, die als Zeugen gehört wurden. Durch eine der zugeführten Personen wurde lediglich die Anwesenheit von KOTTWITZ und SAHLMANN während der Kundgebung bestätigt. Die geplante Zuführung des KOTTWITZ und des SAHLMANN zum VPKA zur Klärung des Sachverhalts konnte bisher nicht realisiert werden, weil beide Personen nicht angetroffen wurden. Im Ergebnis der Befragungen des KOTTWITZ und des SAHLMANN und weiterführender Ermittlungen wird über die Einleitung rechtlicher Maßnahmen zu diesen Personen entschieden. Eigenen Auslassungen zufolge sympathisieren mehrere der zugeführten Personen mit der so genannten Anti-Skin-Liga. Der beteiligte SCHRADER bekannte seine Zugehörigkeit zu dieser Gruppe. Eine inspirierende Rolle kirchlicher Kräfte konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Durch die Abteilung 26 wurde bekannt, dass der Kreisjugendwart HUGLER [(...)] sich in den Abendstunden mit der Zuführung der Jugendlichen befasste und darüber mit dem Generalsuperintendenten BRANSCH sprach. BRANSCH erklärte sich bereit, HUGLER noch in den späten Abendstunden in dessen Wohnung aufzusuchen. HUGLER informierte gegen 21.20 Uhr den Superintendenten SCHMIECHEN darüber, dass sich bei ihm eine Gruppe von Personen aufhält, die dem Zugriff der VP "entkommen" waren, und dass Zugeführte wohl längere Zeit bei der VP bleiben müßten. Weiterhin hatte der hinlänglich operativ bekannte MECHTEL [(0V "Expose")] Kenntnis von den Störversuchen und den Reaktionen der staatlichen Organe erhalten. Er hatte die Absicht, den SAHLMANN gegen 21.30 Uhr von dessen Arbeit abzuholen. Gegenüber MECHTEL bestätigte SAHLMANN seine Teilnahme und brachte zum Ausdruck, dass er auf Grund dessen durch die VP gesucht wird. Die bisher vorliegenden Uberprüfungs- und Ermittlungsergebnisse bestätigen zu 9 der zugeführten Personen, dass diese teils in abgesprochener Form am 09. 09. 89 im Jugendclubhaus "Lindenpark" bzw. in Kenntnis des Vorhabens die Transparente zu entfalten und damit die Veranstaltung zu stören, an dieser Zusammenkunft mitwirkten und somit das sozialistische Zusammenleben im Sinne des §4(1)3 der OWVO störten. Damit liegen die Voraussetzungen zur Einleitung eines Ordnungsstrafverfahrens zu diesen 9 Personen vor. Strafrechtlich relevante Handlungen konnten bisher nicht erarbeitet werden. Weiterführende Maßnahmen: - Analytische Aufbereitung der durch die Vernehmungen der Abt. l des VPKA Potsdam und der Informationen der Abt. 26 mit dem Ziel der Herausarbeitung von Widersprüchen in den einzelnen Aussagen, ihrer Klärung und der weiteren Ermittlung von Organisatoren und Inspiratoren der versuchten Störhandlung, - Gezielter IM-Einsatz zur weiteren Präzisierung des Sachverhaltes und weiterer Pläne und Absichten, insbesondere kirchlicher Amtsträger, - Vervollkommnung und Qualifizierung der Beweisführung zur konsequenten Rechtsanwendung, insbesondere durch aktive Mitwirkung der Abt. IX. Leiter der Kreisdiensstelle [Puchert] Oberst..." Bereits kurz nach der so genannten "Wende" machen sich Auflösungserscheinungen bemerkbar die dann schnell zum Zerfall der Gruppe führen. Die letzten Veranstaltungen der Potsdamer Antifa sind am 9. November 1989 eine Demo mit 600 Leuten und im Dezember des gleichen Jahres eine Kundgebung in Berlin, vor dem Chilenischen Konsulat. Danach zerfällt die Gruppe endgültig. Ein Teil von ihnen besetzt ein Haus, dass in der Folgezeit 12-mal von Nazis überfallen wird, bis die Besetzer entnervt aufgeben und das Haus verlassen. Autonome Antifa in der Kirche von Unten (Berlin) Erst Ende Februar 1989 begannen innerhalb der Berliner Gruppe der Kirche von Unten (KvU) Aktivitäten für die Gründung einer Antifa-Gruppe. Auslöser war, dass einigen Leuten der KvU das "Antifaschistische Infoblatt" Nr.6/7 aus Westberlin in die Hände fiel, in der über Vorbereitungen des internationalen Neofaschismus zum hundertsten Geburtstag von Adolf Hitler berichtet wurde. Hinzu kamen Informationen aus der Ostberliner Szene, dass die DDR-Faschisten am 20. April 1989 ein großes Treffen in Potsdam planten. Gemeinsam mit den Potsdamer Antifas wurden daraufhin intern Vorbereitungen getroffen, das Nazitreffen zu verhindern. Zum anderen führte die KvU zwei Veranstaltungen durch, die im Rahmen unserer Möglichkeiten Öffentlichkeit schaffen sollten. War der erste Abend, am 18.April, nur mäßig besucht, platzten die Räume der KvU am 19. April aus den Nähten. Ca. 300 Menschen aus verschiedensten Spektren diskutierten mehrere Stunden über die faschistischen Erscheinungen in der DDR und wie ihnen zu begegnen sei. Dieser Tag gilt als Geburtsstunde der Autonomen Antifa Berlin (Ost). An Hand einer bei der Veranstaltung erstellten Namensliste wurden vierzehn Tage später ca. 100 Leute zu einem Nachfolgetreffen in die KvU eingeladen. In der Folgezeit entwickelte sich eine thematisch strukturierte Arbeit in Untergruppen. Eine Zeitungsredaktion entstand, eine Jugendarbeitsgruppe, eine Ausländer-Arbeitsgruppe, eine Theatergruppe und eine Gruppe, die sich mit der Aufarbeitung von faschistischen Materialien und Gruppierungen befasste. Mehrere öffentliche Antifaveranstaltungen, die stets gut besucht waren, wurden organisiert. Ein großer Antifa-Tag in der Auferstehungskirche wurde von über 1.000 Menschen besucht. Im Juli 1989 kam mit technischer Unterstützung der Umwelt-Bibliothek das erste Antifa-Heft heraus. Die Auflage von 1.500 Exemplaren war in kurzer Zeit vergriffen und das Heft musste nachgedruckt werden. Das zweite Heft erschien Anfang November und war ebenfalls, trotz höherer Auflage, schnell vergriffen. Die allgemeine Aufbruchsstimmung der Wendezeit verlieh auch der KvU-Antifa neuen Elan. Es gelang der Gruppe, wenn auch nur für einige Monate, ihre Aktivitäten zu erhöhen. Sie organisierte mehrere Flugblatt- und Straßenaktionen, organisierte mehrere Infoveranstaltungen, Demonstrationen und eine Kundgebung. Mit Beginn des Jahres 1990 wuchs der Wunsch, die KvU zu verlassen. Im Januar besetzte der aktive Stamm ein Haus mit dem Ziel ein Antifa-Zentrum zu errichten. Jedoch war schon zu dieser Zeit eine starke Abwanderungstendenz zu spüren. Zum Teil durch das Aufkommen der Hausbesetzerbewegung, zum Teil aus Resignation. Im Frühsommer 1990 kam das Ende. Die Autonome Antifa Ostberlin löste sich faktisch in nichts auf. Übrig blieb ein Teil der Zeitungsredaktion der im Juli noch einmal eine letzte Ausgabe des Antifa Info Blatt (Ost) herausbrachte, bevor auch sie ihre Arbeit endgültig einstellte. div> |