Junge Faschisten und Naziskins



Extreme Rechte in der DDR

von Frank Schumann , Antifaschistisches Infoblatt, Nr. 75, Frühjahr 2007

Am Abend des 9. November 1989 hockte ich in Potsdam auf einem Podium. Neben mir saßen ein Vertreter der jüdi¬schen Gemeinde, Heinz Vietze - vormals Jugendfunktionär, seit kurzem 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung -, einige aufge¬regte Jugendliche sowie Offizielle, an deren Namen und Amt ich mich nicht erinnere.

Anlass der kurzfristig anberaumten Diskussionsrunde, die, wie die meis¬ten in jenen Wochen, in einem über¬füllten Saal stattfand, war ein in jeder Hinsicht skandalöser Vorgang: Ju¬gendliche hatten in der Bezirksstadt mit einer Lichterkette an das faschi¬stische Pogrom vor 52 Jahren erin¬nert. Die Volkspolizei hatte sich etli¬che Mädchen und Jungen gegriffen und »zugeführt«. Die Begründung war formal-rechtlich korrekt, weshalb man sich ihrer offenkundig bis heute be¬dient: Die Demonstration war nicht angemeldet worden. Jedoch änderte dies nichts an der beschämenden Tatsache, dass eine eindeutig antifaschisti¬sche Bekundung von den Exekutivor¬ganen eines antifaschistischen Staa¬tes unterbunden worden war. Das vor allem hatte nicht wenige in Potsdam aufgebracht.

Wie ist so was überhaupt möglich, wurde vornehmlich Vietze immer wie¬der gefragt, denn zu jener Zeit fühlte sich »die Partei« nicht nur für alles zuständig: Sie war es auch. Der Pots¬damer Parteiobere mühte sich ehrlich (was wohl auch erklärt, weshalb er noch immer im Brandenburger Land¬tag sitzt). Er distanzierte sich von die¬sen Übergriffen, was seiner inneren Überzeugung zu entsprechen schien, und verwies darauf, dass in jeder Uni¬form auch nur ein Mensch mit Macken stecke. Mit dem Hinweis auf individu¬elle Besonderheiten hatte er zwar die Lacher auf seiner Seite, zumal man solch offenherzigen Bekundungen von hochrangigen SED-Funktionären bis dato nicht vernommen hatte. Doch jeder, der über den Tellerrand einer Volkspolizei-Schirmmütze hinaus¬dachte, war sich bewusst, dass Vietzes Auskunft zwar nicht falsch war, je¬doch nicht den Kern des Problems berührte.

Wir gingen gleichermaßen ratlos wie ermutigt (»Immerhin kann man jetzt darüber reden!«) auseinander. Ich fuhr mit meinem radiolosen Tra¬bant über Teltow und Schönefeld nach Berlin-Mitte, wo die Redaktion der Jungen Welt ihren Sitz hatte. Als ich am Grenzübergang Oberbaumbrücke vorüberfuhr, nahm ich eine große An¬sammlung wahr. Ich sah, wie sich Men¬schen krumm machten und andere auf ihrem Rücken irgendwelche Papiere ausfüllten. In der Redaktion saß die B-Schicht wie immer in ihrem Abteil und gab Meldungen für die Haupt¬stadtausgabe in Satz, auf dem Fen¬sterbrett dudelte der Schwarzweiß-Fernseher. Ich fragte den B-Chef (der heute im Bundestag arbeitet), ob es etwas Besonderes gäbe und berichtete von meiner Beobachtung an der Brücke. Und der antwortete lako¬nisch, als teile er mir die Uhrzeit mit: »Die haben die Grenze aufgemacht.«

24 Stunden später saß ich zwi¬schen 0 und 2 Uhr in einem Rund¬funkstudio in der Nalepastraße zwi¬schen den Chefredakteuren des DDR-Jugendfernsehens und von DT 64 und durfte live - dies betonte man immer wieder, was wohl die Erstmaligkeit des Vorgangs unterstreichen sollte - über die Konsequenzen der überraschen¬den Grenzöffnung meditieren. Una¬blässig wurden vermeintliche oder tatsächliche Hörerfragen hereingege¬ben. Ich gefiel mir in einer Außensei¬terrolle, denn im Unterschied zu den anderen erklärte ich, dass der Mauer¬fall erstens das Ende der DDR bedeute und zweitens, dass jetzt auch dieser ganze unterschwellige nazistische Rotz hochkäme. In jeder Gesellschaft gäbe es einen braunen Bodensatz, auch in der unsrigen. Wir würden Zeu¬gen eines Vorgangs werden, der ver¬gleichbar wäre mit dem Zug einer Schleuse: Das angestaute Wasser würde hindurch schießen und den ganzen abgelagerten Dreck aufwir¬beln, der schon immer, aber bislang unbemerkt, vor und hinter dem Wehr auf dem Grunde lagerte...

Diese Kassandra-Rufe entsprangen ausschließlich meiner Ratio. Emotio¬nal sperrte ich mich dagegen. Ich lief noch bis zum 3. Oktober 1990 zu jeder Demo, die sich für die Eigenständig¬keit der DDR aussprach, obgleich doch der Drops längst gelutscht war, wie der Berliner sagt. Und jede Neonazi¬schmiererei, jeder Fascho-Aufzug, je¬der Heil-Ruf, jeder Hass- und Hetz¬brief, der die Redaktion erreichte, wühlten mich trotzdem unverändert auf. Unter den rund 600 Zuschriften, die die Junge Welt täglich erhielt, gab es zunehmend auch solche. Doch das war nicht neu. Nur die Menge über¬raschte.

Anpassung und Ausbruch
Wer aufmerksam die DDR-Gesell¬schaft erlebte, dem konnten die steti¬gen Veränderungen insbesondere in den 1980er Jahren nicht entgehen. Vor allem unter den Jugendlichen. Das lag zwar in der Natur der Biologie. Aber eben nicht nur. Es hatte auch et¬was mit dem normierten Dasein zu tun. Wenn ein junger Enthusiast meinte, er wolle der Weltrevolution voran helfen und darum als Entwick¬lungshelfer nach Afrika gehen oder sich einer Befreiungsbewegung in La¬teinamerika anschließen, hieß es strafend: Deine Barrikade ist die Drehbank! Die Revolution findet im sozialistischen Wettbewerb statt. Das geregelte, gesicherte Dasein war in diesem Alter nicht nur öde, sondern auch lähmend. Die geforderte Anpas¬sung - ein Vorgang, der sich offen¬kundig wiederholt - provozierte auch den Wunsch nach auffälligen Aus¬bruch. Und zweifellos lieferte die Welt draußen dafür auch Anregungen, wie das geschehen konnte. Denn trotz Mauer und eingeschränkter Reisemög¬lichkeit tauchten auch die DDR-Bür¬ger in den globalen Nachrichtenstrom ein. Diesen Umstand nahmen die DDR-Oberen als ausschließlichen Grund, daß es plötzlich hierzulande auch Punks, Popper, Red-Skins und Glat¬zen, Faschos und andere bunte Vögel gab. Sie interpretierten dies aussch¬ließlich als Reflex auf auswärtige Ent¬wicklungen, als modische Verirrung Heranwachsender und ungenügende »ideologische Arbeit« des Jugendver¬bandes. Kurz: als Westimport. Es kam ihnen überhaupt nicht in den Sinn, daß dies sehr wohl auch etwas mit ih¬rer Politik und der inneren Verfassung der DDR-Gesellschaft zu tun hatte. Die utopische Vision, mit der die Gründer¬generation der DDR einst aufgebro¬chen war - nämlich eine alternative Gesellschaft jenseits von Ausbeutung und Anpassungsdruck, von Bevor¬mundung und Repression zu schaffen - hatte sich spürbar erledigt. Übrigge¬blieben war eine ums Überleben kämp¬fende arme Kleinbürgerrepublik, deren Führung glaubte, die reiche kapitali¬stische Großbürgerrepublik mit deren eigenen Waffen schlagen zu können. Das war nicht nur illusionär und welt¬fremd. Es verspielte auch Vertrauen in die Fähigkeit der Führungsmann¬schaft, das Staatsschiff zu steuern. Die Massenloyalität, von der die DDR in ihren ersten beiden Jahrzehnten durchaus getragen wurde, verlor sich bis zum Ende der 1980er Jahre gänz¬lich. Das ist in allen Untersuchungen des Leipziger Zentralinstituts für Ju¬gendforschung (ZU) dokumentiert. (Nicht grundlos schloss Honecker in den 70er Jahren das andere, beim ZK der SED angebundene Meinungsfor¬schungsinstitut der DDR: Mit empi¬risch belegten Wahrheiten hatte er Probleme.) Zu dieser Wahrheit gehörte auch: Wie der deutsche Zwilling BRD war die DDR mit den Lasten der Ver¬gangenheit geschlagen. Doch diese wurden noch potenziert mit den Bela¬stungen der Gegenwart. Eigentlich führte die DDR von Anfang an einen Zweifrontenkrieg: gegen den Klassen¬feind im Westen und gegen den großen Bruder im Osten. Da blieb zwangsläufig vieles liegen, auch man¬ches, was zur geistigen Hygiene not¬wendig dazugehörte, was nun heute, nachdem die Schlacht geschlagen und verloren ist, billig konstatiert werden kann. Das vielleicht größte Manko war eine fehlende Dynamik auf den mei¬sten Politikfeldern, die den Entwick¬lungen Rechnung trug. Der Reform¬stau ist nicht nur ein aktueller Begriff. Hinzu kam: Gesellschaftliche Probleme wurden nicht, wie erforderlich, poli¬tisch, sondern zunehmend repressiv gelöst. Diese Neigung scheint jedem politischen System innezuwohnen. Zum Versagen der DDR gehörte auch - und mit dieser Aussage sollen keineswegs etwa die beachtlichen Leistun¬gen bei der künstlerischen und wis¬senschaftlichen Auseinandersetzung mit der Nazidiktatur ignoriert werden -, nicht angemessen auf die Verände¬rungen reagiert zu haben, die sich zwangsläufig aus der Generationenfol¬ge ergaben. Einem Heranwachsenden in den 1980er Jahren den Faschismus aus der Perspektive eines eingekerker¬ten antifaschistischen Widerstands¬kämpfers zu erklären, war so unwirk¬sam und verhängnisvoll wie das Ver¬schweigen, wie man hierzulande nach 1945 mit den Millionen Mitläufern und Mitmachern umgegangen ist. Denn die ehemaligen NSDAP-Mitglieder leb¬ten nicht nur in Westdeutschland. Zweifellos kamen belastete Nazi- und Kriegsverbrecher in der DDR nicht zu bedeutenden Ämtern und anderen Eh¬rungen, und jene wenigen, die trotz brauner Vergangenheit eine gesell¬schaftliche Rolle spielten, räumte man das Recht auf Einkehr und Umkehr, auf eine Änderung der Überzeugung ein. (Diese zweifellos dem Menschen eigene Fähigkeit gestand man schein¬bar jedoch nur den in der DDR Leben¬den zu.) Antifaschismus als Haltung wurde von Staatswegen gefördert. Es war - anders als in der BRD - Staats¬doktrin und Verfassungsauftrag. Und er wurde von den meisten Menschen in der DDR auch individuell gelebt. Auf der anderen Seite stellte sich die Führung, die mehrheitlich im Wider¬stand, im KZ, in Zuchthäusern oder im Exil Faschismus und Krieg überlebt hatte, als die Inkarnation des Antifa¬schismus dar. Zweifellos verdiente die Tatsache, sich der Barbarei widersetzt und für deren Beendigung gekämpft zu haben, eine größere Beachtung und Würdigung als das Duckmäusertum von Millionen Opportunisten. Doch es entschuldigte nicht die Fehler und Irrtümer, die diese Menschen jetzt machten. Sie benutzten den An¬tifaschismus gleichsam als ihren Schutzschild, als Monstranz. Wer da¬gegen opponierte, musste mit heftiger Reaktion rechnen. An dieser Stelle reagierten sie besonders empfindsam. Das lud zwangsläufig zur Provokation ein. Und davon machten insbesondere Jugendliche zunehmend Gebrauch. Ich widerspreche darum entschieden der heute kolportierten Auffassung, dass die Ostdeutschen besonders an¬fällig für Nazi-Ideologie gewesen seien, weil sich im Grundsatz das Hit¬lerreich nur graduell von der Honeckerdiktatur unterschieden habe. Was jenem tradierten Argumentati¬onsmuster entspricht, Kommunisten seien rotlackierte Faschisten. Wie passt dazu, dass sich unter den in der DDR auffälligen Neonazis auch ausge¬machte Antikommunisten mit einem fest umrissenen Weltbild befanden? Der heute von ostdeutschen Neonazis gepflegte positive Bezug auf die DDR bezeugt weniger die Gleichheit der Kappen, sondern dient eher dem glei¬chen provokativen Zweck wie seiner¬zeit Hakenkreuz-Schmierereien und Heil-Geschrei. Der repressive Umgang damit offenbart die gleiche Hilflosig¬keit und Unfähigkeit der Politik.

Nebulöser Nationalismus
Und wenn es eben nicht bloße Pro¬vokation war? Woher rührten Auslän¬der- und Fremdenhass, dieser nebulöse Nationalismus, diese dumpfe Arroganz, die sich auf nichts gründete als auf die Herkunft? Weshalb waren einige plötzlich »stolz«, Deutsche zu sein, ohne auch nur annähernd die ei¬gene wie die Geschichte der Nachbar¬völker zu kennen? War dies nur billi¬ger Reflex auf den propagierten Inter¬nationalismus, mit dem elegant die Frage umgangen worden war: Wie kann man die Völker der Welt lieben, aber das eigene nicht? Denn das deut¬sche Volk war gespalten worden von den Siegermächten. Und das wie¬derum war die Strafe für den Völker¬mord, den Nazideutschland begangen hatte. Die deutsche Teilung war, wenngleich keineswegs klaglos, in Ost wie West als Strafe der Welt angenom¬men worden. Doch anders als in der BRD und der dort betriebenen Westin¬tegration blieb in der DDR mehr als nur ein diffuses Zusammengehörig-keits- und Nationalgefühl bestehen. Zumal man hier bis in die späten 1960er Jahre noch immer in der Natio¬nalhymne sang: »Laß uns dir zum Guten dienen, / Deutschland, einig Vaterland«. Bei allen Abgrenzungs¬schritten - inklusive des 1961 in Mo¬skau angeordneten Mauerbaus - hielt Berlin an der Option eines Zusammen¬schlusses, einer Konföderation oder dergleichen, und an der Idee eines Fortbestandes der deutschen Nation fest. Der Bruch erfolgte erst mit Honecker. Der postulierte Mitte der 1970er Jahre die »sozialistische deut¬sche Nation der DDR«. Doch da hatte bereits die politisch-ideologische Ero¬sion der DDR-Gesellschaft begonnen, die Nummer verpuffte wie so manch andere Propaganda-Blase. Als Journa¬list bei der Jugendzeitung war ich oft im Lande unterwegs, berichtete von Versammlungen, recherchierte eigene Geschichten, hielt selber Foren ab, ging Anregungen und Beschwerden nach - die damals Eingaben hießen und, vom Gesetz vorgeschrieben, bin¬nen 14 Tagen zu beantworten waren. Und ich nahm auch an Verfahren teil, in denen über Jugendliche zu Gericht gesessen wurde. Sie waren wegen Ro¬wdytum angeklagt, wegen Störung des sozialistischen Zusammenlebens und dergleichen, was soviel bedeutete: Sie tanzten aus der Reihe. Ich saß als Be¬richterstatter im Saal und fand be¬stätigt, was sich in manchem Leser¬brief bereits angedeutet hatte. Zwi¬schen jugendlichem Leichtsinn und naivem Unwissen wurden Haltungen sichtbar, die den vorherrschenden po¬litischen Intentionen hierzulande fremd waren. Ungestümer Hass blitzte auf, eine Ablehnung jeglicher Spie߬bürger-Idylle, die über den üblichen Generationenkonflikt hinausging. Wo kam das her? Der Blick auf die Besu¬cherbänke lieferte die Antwort. Dort saß der Mittelstand: Eltern und Ver¬wandte. Der Mittelbau unserer Gesell¬schaft: Funktionäre, Staatsdiener, Lehrer, die Honoratioren des Städt¬chens. Geachtet und geehrt. Am 1. Mai standen sie auf der Tribüne und am 7. Oktober in der Zeitung. In der »Aktu¬ellen Kamera« urteilten sie über un¬sere Errungenschaften und im »Neuen Deutschland« verurteilten sie in scharfen Worten die jüngsten Verbre¬chen des Imperialismus. Sie wussten, was man von ihnen erwartete. Sie wa¬ren schließlich gesellschaftliche We¬sen. Doch wenn sie die Wohnungstür hinter sich schlössen, waren sie pri¬vat. Da hatten sie eine eigene Mei¬nung. Da redeten sie Klartext. Und das bekamen ihre Kinder mit. Doch im Unterschied zu ihren Eltern be¬herrschten sie die Klaviatur der Heu¬chelei, der Anpassung und des Oppor¬tunismus (noch) nicht. Sie sprachen und handelten auch vor der Tür so, wie es ihre Alten nur dahinter taten. Der Spruch aus den frühen 1970er Jahren, der im Westen bei den Linken kursierte, erlebte seine Renaissance im Osten: Macht kaputt, was euch ka¬putt macht! Und damit kamen diese Jugendlichen (und nur um solche handelte es sich) zwangsläufig mit den Gesetzen der DDR in Konflikt. Als Rowdies, als Asoziale, als Gewalttäter und so weiter. Nie als Rechte oder Neo¬nazis. Denn der Faschismus galt als mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Des¬halb gab es auch keine rassistisch mo¬tivierten Übergriffe, keine antisemiti¬schen Äußerungen, keine politisch motivierten Attacken auf andere Ju¬gendliche. Es gab nur die stereotypen Deutungsmuster. Ein Aufblitzen »des Faschismus« hierzulande hatte es offi¬ziell nur am 17. Juni 1953 gegeben und am 13. August 1961, als man den »antifaschistischen Schutzwall« in Ber¬lin errichtete.

Mangelnde Auseinandersetzung
Faschismus aber war nicht nur laut Dimitroff »die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinis¬tischsten, am meisten imperialisti¬schen Elemente des Finanzkapitals«. Er wohnte rudimentär auch in Hirnen und Herzen von Millionen Menschen und überdauerte die Generationen. Noch Jahrzehnte nach Auschwitz ar¬beitete mancher gedankenlos »bis zur Vergasung« oder »fiel durch den Rost«. Noch immer war »der Iwan« doof und unkultiviert, klaute der »Zi¬geuner« und der »Itzik« betrog. Die Generalamnestie, mit der Mitläufer und Mittäter hinüber geholt wurden auf die Seite der »Sieger der Geschichte« (die es objektiv zu keiner Zeit geben wird, was aber mancher Westdeutsche noch immer nicht begriffen hat), war einerseits richtig, aber andererseits auch verhängnisvoll. Es verhinderte die fortgesetzt notwendige, aktive und kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in allen Bereichen der Gesellschaft. Dieses Versäumnis sollte sich in der DDR rächen. Und es rächt sich auch heute. Neonazismus ist zu allen Zeiten die Quittung für eine falsche Politik. Es scheint die vermeintliche Alternative, der Ausweg aus einem gesellschaftlichen Dilemma zu sein. Doch der ist eine Sackgasse wie die Losung »Weiter so!«, die die Herrschenden zu allen Zeiten im Munde führen. Egal, welche Fahne auf dem Rathaus weht.

Frank Schumann, Jahrgang 1951, von 1978 bis 1991 bei der Tageszeitung Junge Welt, zuletzt in deren Chefredaktion, seit 1991 Verleger und Publizist.

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