Skins ohne Hakenkreuz

Weil Ramazan Avci Ausländer war, prügelten Nazi-Skins mit Guimdknuppeln und Jlxtstielen auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührte. Ramazan starb.
Glatzköpfige Skins mit Boots imd Bomber Jacken marschieren bei Nazitreffen auf, heben die Hand zum Hitlergruß. Sie überfallen Ausländer und Antifaschisten, jagen ihnen in den Städten hinterher.
Solche Bilder schwirren mir durch den Kopf, als ich in einer Düsseldorfer Wohnung mit drei Skins zusammensitze - Und von ihnen höre:

MARKUS: "Wenn die Nazis an die Macht kämen, wären wir die ersten, die rausfliegen würden. Alle Leute, die als "Außenseiter der Gesellschaft" bezeichnet werden, würden verfolgt werden, zum Beispiel auch die Punks. Die Nazi-Skins sind die kleinen Idioten, die ausgenutzt werden, wie seinerzeit die SA, die Saalschläger Hitlers. 1934 ließ Hitler SA-Führer Rohm und aridere SA-Männer umlegen. Das wäre auch das Schiksal der Skins. Allein schon deshalb ist es arm, als Skinhead rechts drauf zu sein."

ULVI: "Mein Vater kommt aus der Türkei, ich habe die bundesdeutsche Staatsangehörigkeit. Woran ich mich bei den Nazi-Skins am reisten stoße, ist ihr Rassismus und ihre Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Als wir bei einem Nazi-Skin zu einer Fete eingeladen waren, warnte mich ein Bekannter: `Wenn der erfährt, daß dein Vater aus der Türkei kömmt, schlägt der dich tot.' Die Skinhead-Bewegung beruht ursprünglich auf Musik der Schwarzen. Das ist absurd und. paradox: Rassistische Skins tanzen zu "Negermusik" (in ihrem Jargon) und brüllen anschließend "Sieg Heil".

DIRK: Ich kann nicht verstehen, wenn einer sagt: Ich bin Arbeiter und ich bin Nazi. Die Nazis haben die Gewerkschaften zerschlagen, haben den Arbeitern alle Rechte genommen. Das Großkapital hat Hitler finanziert; weil es von der Unterdrückung der Arbeiter profitiert und am Krieg verdient hat. Ohne das Großkapital wäre Hitler ein kleiner doofer Wicht aus Österreich geblieben, der sich mit seinen Traum vorn blonden, blauäugigen Deutschen in sein Zimmer gesetzt und mit "Mein Kampf" einen gewichst hätte."

Drei die sich nicht mißbrauchen lassen

Auf dem Tisch stehen Bier, Wein und Wodka. An der Wand hängen Konzert-Änkündigungen. Werbeposter für Motorroller und das Foto eines Skins. Dirk reicht mir eine Schallplatte. "Skinhead Moontop" steht vorne drauf. "Jetzt dreh mal um." Auf der Rückseite sehe ich die schwarzen Musiker der Gruppe Simaryp. "Ska, Soul, Reggae und Oi, eine Art Punk - das ist die ursprüngliche Musik der Skins", sagt

ULVI: Die Anfänge unserer Bewegung liegen in Jamaika, die ersten Skins waren Schwarze." Ende der 60er Jahre, so ergänzt Dirk, wurde in England eine Bewegung junger Arbeiter daraus - mit besonderem Einfluß in verelendeten Städten wie Liverpool und unter jungen Arbeitslosen, "Die wollen nicht so rumlaufen wie die normalen Arbeitslosen. Die wollten noch ein bißchen Stil in ihr Leben reinbringen, obwohl sie kaum Kohle hatten. Skin sein - das ist eine Art Ausbruch aus dem Alltagsleben."
Die Skins haben ihre Haare kurzgeschnitten. Sie tragen gewöhnlich Boots- Jeans, Tarn- oder Bomberjacke. Wenn sie abends Ausgehen, schmeißen sie sich in Anzüge aus den 60er Jahren, Hemd, Krawatte und Hacke-Schuhe. Das gemeinsame Auftreten in fast einheitlicher Kleidung verleiht ihnen Geborgenheit und Stärke - die sie im sonstigen Leben vermissen; Stärke, die auch' mal. "mit den Fäusten demonstriert wird?" "Einem eins in die Fresse zu hauen, ist eigentlich 'ne lahme Aktion", meint Markus. Dirk stirnmt ihm zu: "Für mich gibt's nur Selbstverteidigung." Einige Minuten später sagt er. "Wenn mich einer blöd anmacht, mich verarschen will, dann kriegt er eine öhrfeige." Die Düsseldorfer Skins treffen sich in einem Club bei Mönchengladbach mit Gleichgesinnten aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet und tanzen zu ihrer Musik.

Etwa hundert Skins gibt es in diesem Gebiet - wobei die Düsseldorfer die rechtsradikalen Skins nicht dazuzählen. "Das sind für uns keine Skins, sondern Nazi-Glatzen." Wieviele gibt es von denen? "Unzählige". "Die Nazis waren die ersten Leute, die sich wirklich um die Skins gekümmert haben", erklärt Dirk den rechtsradikalen Einfluß. "Die haben sich gesagt: Die Skins können wir für unsere Ziele gebrauchen. Schon vom Outfit her: Kurze Haare, rauhes Aussehen, furchteinflößend für den Normalbürger. Oft waren Nazitreffs die einzigen Clubs, die Skins offenstanden. Die Nazis haben einen Kasten Bier hingestellt und eingetrichtert: Die Deutschen, Bläh-bloh-blufff weiß ich nicht was." Markus sieht darin nicht den Hauptgrund dafür, daß es heute "so viele Fascho-Skins gibt. Die meisten, die jetzt Skinheads werden, waren schon vorher Faschos. Das kamt davon, daß in der Presse das Bild erzeugt wird: Skin gleich Fascho."

Das einheitliche Auftreten, die Kleidung, "die auch schon mal eine Auseinandersetzung ohne Risse übersteht" (Dirk) - haben solche Eigenschaften es erleichtert, Skins ins rechte Lager rüberzuziehen? Auf diese Meinung reagieren Dirk, Markus und Ulvi empfindlich. "Die fünf Prozent, die in Bremerhaven die Nazis gewählt haben - waren das etwa alles Skins?" -entgegnet Dirk. "Es gibt diesen Rechtsruck allgemein seitdem die Konservativen an der Regierung sind. Seitdem Birne an der Macht ist, sprießen die rechten Gruppierungen aus dem Boden wie nichts.
Vorher gab es die NPD und die HIAG, jetzt FAP, EK l und all so ein Killekack. Die Regierung bereitet den Nährboden für diese Gruppierungen. Etwa durch die Diskussion über das Asylrecht. Wenn ich mir die Sprüche von Zinmermann anhöre, kcmnt mir das kalte Grauen."
Die Hauptgefahr sieht Dirk in der verbreiteten Meinung, daß die Ausländer den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. "Das ist der größte Schwachsinn, den ich jemals gehört habe. Erst sind die ausländischen Arbeiter geholt worden, um dam Kapitalisten seinen Benz zu bauen. Jetzt sollen sie nach Hause geschickt werden. Dabei ist nicht der Ausländer der Feind der deutschen Arbeitsplätze, sondern der Kapitalist. Man sieht es jetzt in Rheinhausen. Da werden deutsche und ausländische Arbeiter gleichermaßen arbeitslos. Die Kapitallisten zielen auf ihren Gewinn und rationalisieren deshalb Arbeitsplätze weg."
Die Nazis nutzen die Arbeitslosigkeit, um Menschen für ihre ausländerfeindliche Politik zu gewinnen. Zu den "Argumenten" für diese Politik gehören Mord und Brutalität. Wie reagierten die Düsseldorfer Skins auf den feigen Mord an Ramazan Avci durch Hamburger Nazi-Skins? "Ich habe mir die Haare wachsen lassen, sogar einen Zopf", erzählt Dirk. Auch Markus und Ulvi waren "entsetzt" und "beschämt". Später ließ sich Dirk die Haare wieder schneiden. "Ich bin drauf gekommen: Dieses Aussehen ist doch mein Stil."

Der Mord an Ramazan Avci ist nicht das einzige Verbrechen der Nazi-Skins. Einige Beispiele aus Hamburg: - Ein Skin fragt die 17jährige Nuran-Y.: "Bist du Türkin?" Als sie bejaht, sticht er sie mit dem Messer nieder.
- Skins überfallen das Jugendzentrum Hammer Park und ein Konzert der Punk-Gruppe "Toy-Dolls" in der Markthalle.
- Drei Skins ermorden den 29jährigen Mehmet Kayakci mit einer zentnerschweren Gehweg platte. Als sie verhaftet werden/ sagen sie: "Wir wollten den Türken fertigmachen."
Verstehen die Düsseldorfer Skins angesichts solcher Verbrechen, daß Ausländer und Antifaschisten auf Menschen mit Skin-Aussehen oft aggressiv, zumindest aber mißtrauisch reagieren? Dirk erzählt das Beispiel eines 15jährigen Skins, dem seine türkischen Mitschüler Hakenkreuze auf die Schultasche und auf die Jacke malen. "Wenn mir einer ein Hakenkreuz auf die Jacke malen würde, würde er eins draufkriegen - egal, ob er Türke oder Deutscher ist." Der gleiche Dirk sagt einige Minuten zuvor: "Die rechten Skins haben keine Skrupel, einem ein Messer in den Bauch zu rammen." Und: "Ich sehe das schwärzer als unser oberster Verfassungsrichter. Der hat mal im Fernsehen gesagt, er schätze die Zahl der Skins in der Bundesrepublik auf l 500, davon seien vielleicht 300 extrem rechten Kreisen zuzuordnen. Ich schätze: l 000, davon sind 500 bis 600 extrem rechts."
Wie stehen die Düsseldorfer Skins zu anderen Gruppen von Jugendlichen wie Punks und Teds?

DIRK: "Ich bin nicht gegen Punks, aber ich finde, daß sie keinen Stil haben. Wie sie rumlaufen, finde ich Pappe." Markus: "Das sehe ich völlig anders. Das ist ihre Lebenseinstellung. Ich mag Punks. Ich kenne persönlich ein paar Punks, verstehe mich mit ihnen sehr gut. Wenn ich andere Gruppen sehe, freue ich mich. Das zeigt mir: Die Szene lebt."

DIRK: "Ich habe nur etwas gegen eine bestirnte Gruppe."

MARKUS: "Gegen wen?"

DIRK: "Gegen Nazis, die sich unter dem Deckmantel Skins verbergen."

Wiederholt begründen Ulvi, Markus und Dirk, warum sie Nazis ablehnen. Doch die Düsseldorfer Skins wollen nicht als Skins gegen die Nazis aktiv werden. "Wir wollen eine unpolitische Gruppe bleiben." "Die Nazi-Skins sind Idioten, aber solange sie mich in Ruhe lassen, soll es o. k. sein", meint Markus, Ulvi ist gegen die Nazis, will sie aber "tolerieren". Dirk entgegnet: "Ich kann die nicht tolerieren. Die arbeiten mit Gewalt und Terror." Die Nazis haben die Welt in den schlimmsten Krieg der Geschichte gestürzt, haben Millionen Menschen vergast, verbrannt und erschossen - weil sie Juden oder Russen, Komnunisten oder Christen waren. Dirk kündigt an: "Ich werde am 30. Januar in Düsseldorf an der Demonstration gegen die Nazi-Organisationen teilnehmen."

Adrian Geiges