| Skins - extreme Randgruppe oder soziale Erscheinung mit quantitativ steigender Dimension? (Auszüge aus einem Vertrag) Große Teile der Bevölkerung glauben, daß es bei uns gar keine Skins mehr gibt; sie sind geprägt vom "klassischen" Erscheinungsbild: Glatze, Docs, Bonberjacke, Camouflage-Hose ... Das alte Problem: Fixierung auf Äußerlichkeiten. Wie die Situation sieh realiter darstellt, soll hier kurz untersucht werden. Kaum einer der "Faschos" wird es gerne zur Kenntnis nehmen, daß die Ursprünge der Skin-"Bewegung" auf den Inseln der Karibik am Ende der 60er Jahre zu finden sind. Es war eine farbige Protestbewegung, deren Zentren in den Elendsvierteln der Städte lagen. An diese Ursprünge erinnert nur noch der Reggae-Anteil in der Skin-Musik (neben Marschmusik und Rock). Mit westindischen Einwanderern schwappte die Bewegung nach Großbritannien über, wo sie dann eine eindeutige politische Richtung einschlug. Arbeitslose Jugendliche aus den Slums, den Docks, den Getthos der Satellitenstädte rebellierten, scheren sich die Haare, zogen Bomberjacke, eng anliegende Hosen und die Werftarbeiterstiefel der Marke "Doctor Marten" an und waren für den Nahkampf gerüstet. Entsprechende Kampftechniken kamen nach und nach dazu. Es ging vor allem gegen Polizei, Einrichtungen der staatlichen Unterdrückungsmaschinerie und gegen Streikbrecher. Noch heute stehen die englischen Red-Skins mit den Arteitern vor den bestreikten Betrieben, bilden fliegende Einsatzkommandos, die Streikbrecher abwehren. Um das Jahr 1980 tauchten in der BRD die ersten "Glatzen" auf, wenig später kam der Rechtsruck, verbunden mit einer Eskalation der Gewalt. Die Zahlen jugendlicher Skins steigen immer noch an, proportional dem Anwachsen neofaschistischer Tendenzen in der BRD. (Auf deren Ursachen und Erscheinungsformen kann hier nicht weiter eingegangen werden.) Das Spektrum der sozialen Herkunft der Jugendlichen hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Es sind nicht nur Kinder aus sozial schwachen Familien, junge Arbeitslose ohne Hauptschulabschluß und Junge-Arbeiter mit niedriger Qualifikation, es sind auch Kinder aus mittelständischen Familien und Gymnasiasten dabei ... Wie präsentiert sich die DDR-Skinszene? Gewiß, Erscheinungsbild und ein Teil der weltanschaulichen Elemente, die das "Skin-.Bewußtsein" ausmachen, kamen von "drüben", aber es war der soziale Nährboden vorhanden, auf dem das Ganze wurzeln konnte und - auf dem es sich weiterhin rekrutiert. Das Einstiegsalter wird immer niedriger, nicht zuletzt aus Gründen der früheren Reife (Akzeleration) junger Leute, Die strategischen Wertorientierungen fallen in diesem Alter und bleiben im Wesentlichen prägend für das weitere Leben. Jugendliche suchen sich neue Bezugspersonen, nabeln sich von den Eltern ab. Spätestens dann ist den Meisten von ihnen aufgefallen, daß ihre Eltern ein fast schizophren zu nennendes Leben führen - a) ein gesellschaftliches, für die Öffentlichkeit und den Betrieb bestimmtes, und b) ein privates, oft völlig anders geplantes Dasein. Beide Lebensformen sind zunehmend durch aggressive Verhaltensmuster determiniert. Aggressionen, Ausdruck eines gestörten Gleichgewichts zwischen Umwelt und Individuum, die sich im Umgang der Menschen miteinander entladen, in der Familie häufig zu Gewalttaten gegen Frauen und Kinder führen. Demgegenüber steht das totale Rückzugsverhaten, Ausdruck der Ohnmacht, Frustrationen abbauen zu können. Komunikation und zwischenmenschliche Beziehungen veröden, in den Mittelpunkt rücken dafür Fernseher, Alkohol, eventuell noch das Wochenendgrundstück... Was das Elternhaus nicht vermitteln kann, nämlich Vorbereitung auf das Leben, akzeptable Wertorientierungen und Ideale, das vermag die Volksbildung noch viel weniger. Jugendliche wollen nicht auf einen Platz gestellt werden, sie wollen sich ihre Position selber suchen. Das ist eines der Privilegien, die junge Leute eigentlich immer hatten. Sie haben auch das Recht, sich zu irren und auszuflippen. (69 % aller Jugendlichen unter 18 wollen "verrückte Erlebnisse" haben.) 1. Können sie das? Können sie z.B. einfach mal Sport treiben gehen, ohne gleich Mitglied einer SG werden zu müssen? 2.)Dürfen sie das? Wird nicht alles, was, egal in welche Richtung, von der offiziellen Marschroute abweicht, sofort kriminalisiert, gilt als staatsfeindlich? (Faktisch sind aber nur 5% aller Gruppierungen Jugenülicher strafrechtlich relevant !) 3. bleibt die Frage Wollen sie das überhaupt noch? Zu denen, die wollen, gehören die Skins. was wollen sie? Dabei müssen wir differenzieren. Der Gruppe der Mode- und Fun-Skins geht es hauptsächlich um die action. Sie sind Mitläufer oder Trittbrettfahrer, die eigentlich keine feste Bindung suchen, sondern mehr oder weniger spontan mitmachen, aber dafür besonders risikoofreudig sind. Durch sie können kleine Plänkeleien sehr schnell in neue Qualitäten uoscnlagen weil die Eigendynamik der Gruppe dann nicht snehr zu steuern ist. Bewußte Träger des Skin-Images sind Red Skins und Faschos (Deutschland-Skins). Red Skins vertreten zwar ein überzogenes Mationalgefühl, lehnen aber faschistoide Elemente in der Regel ab. Sie fordern die Rückkehr zu den tradionellen "Deutschen Arbeitertugenden". Sauberkeit, Stärk?, Stolz, Disziplin, Ordnung, Fleiß ... Teilweise tolerieren sie die Faschos, teilweise bekriegen sie sie. Während sich die Baby-Skins (13-16) erst orientieren, haben Red Skins und Faschos ihr? Erfahrungen mit dem Berufsleben bereits gemacht. Sie gehören nicht zu den (angeblichen!) 70% der Jugendlichen, deren Weltbild sich nach dem Schulabschluß nicht mehr ändern soll. Sie haben den krassen Unterschied Zwischen der in der Schule vermittelten Theorie und der gesellschaftlichen Praxis erlebt, verdaut und die ihnen einzig richtigen Konsequenzen gezogen. Diese Konsequenzen erhalten bei den Faschos das Niveau von Elementen einer Ideologie. Neben den auch von ihnen propagierten deutschen Arbeitertugenden und dem überzogenen Nationalstolz kommen aber noch Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Verherrlichung von Faschismus 'und Militarismus sowie ein ausgeprägtes Gewaltpotential hinzu. Der "deutsche Volksgeist" soll wiederbelebt werden, um ein einiges Deutschland "mit den sozialpolitischen Errungenschaften der DDR und dem Fleiß, dem Konsum und den bürgerlichen Freiheiten der BRD" zu schaffen. Der sozialen Herkunft nach sind sie Kinder von Arbeitern, Gewerbetreibenden, Lehrern und Funktionären. Neben den sogenannten "Normaljugendlichen" findet man unter ihnen Fußballfans, ehemalige Punks, ehemalige Wehrpflichtige und "geexte" Offiziersschüler, aber in zunehmenden Maße auch Jugendliche, die einen längeren Wehrdienst leisten bzw. Angehörige der bewaffneten Organe werden wollen (mit dem Ziel, diese zu unterwandern), und Strafentlassene, die sich innerhalb der Gruppierungen durch besondere Schlägerhärte, übersteigerten Maschismo und "Knasterfah-rung" profilieren. Sie bringen Elemente der Strafvollzugssubkultur mit, wenigstens einen ordentlichen Tattoo. 'Territorial verteilt sich das Gro der DDR-Skins auf die Bezirke Berlin, Potsdam, Magdeburg, Frankfurt. Nach Süden nimmt ihre Zahl ab, obgleich sie nicht mehr auf die größeren Städte beschränkt sind, die durch ihre Anonymität bessere Grundlagen für Gruppenbildungen Mieten. In der Republik sieht man sie auch noch im "klassischen" Outfit, währenddessen sich in den Großstädten ihr Erscheinungsbild nach den Prozessen in Berlin (Zion), Oranienburg und Potsdam gewandelt hat. Ursache waren die a priori Kriminalisierung durch die Öffentlichkeit, Lokalverböte (Jugendclubs), aber auch Antifa-Aktionsn von Punks. Das Abtauchen in scheinbare Nortalität (heute trägt, wer sich zur Szene zählt, mit Vorliebe "Lonsdale-clothes") war mit einem spürbaren Rechtsruck verbunden, den die anderen Gruppierungen Jugendlicher alle registrierten. Vor allem Grufties und Ausländer bekamen die Folgen "hautnah" zu spüren. Die körperliche Ertüchtigung erfolgt bei Wehrsportübungen im Wald oder auf Wochenendgrundstücken. In der konspirativen Kameradschaften erhält die Führerpersönlichkeit noch mehr Einfluß, die Unterordnung der einzelnen Mitglieder wird genauestens positioniert, der so entstandene Organismus ist durch seine Struktur qefährlicher als die losen Gruppen der ersten Generation. Die ideologische Schulung erfolgt mit nationalsozialistischem Schriftgut, Goebbels-Reden u. ä., das in die DDR eingeschleust wird, bzw. noch vorhanden ist; in Kellern, auf Dachböden ... Trotz des starken Sexismus bei Skina, finden siqih iisaer mehr Mädchen, Skinny-Bräute, die auch "klatschen" gehen. Wie reagiert die Gesellschaft auf die Skins? Nach den spektakulären Prozessen (inzwischen sind es über 35), die sich nicht umgehen ließen, obgleich es natürlich unangenehm ist, wenn der sozialistische deutsche Staat zugeben muß, daß es bei uns Faschos gibt, war eine deutliche Antipathie in der öffentlichen Meinung spürbar. Die Arbeitskol-lektive der Angeklagten jedoch haben in fast allen Prozessen uneingeschränkt die Bürgschaft übernommen. Führen die Skins vielleicht eine Art Stellvertreterkrieg für ihre Kollegen? Machen wir uns keine Illusionen, Elemente der Ausländerfeindlichkeit und der Ruf nach Ruhe und Ordnung beim Anblick von Punks, Heavies und Grufties sind unter der Bevölkerung weit verbreitet. Wie oft hört man dann wieder LTI, die Sprache des Dritten Reiches:"Sowas wie Euch hätte man früher vergast." "Ins Arbeitslager müßte man Euch stecken." "Nehmt Euch ein Beispiel an den Skins, die sind wenigstens sauber und gehen ordentlich arbeiten." "Polacken ...", Alle diese Äußerungen werden auch von Angehörigen der Sicherheitsorgane (!) benutzt, die im Hinblick auf die Skinheads sehr zurückhaltend sind, um es vornehm auszudrücken. Hat man sie vielleicht sogar ganz gerne gesehen, weil sie die Szene "sauberhalten"? Welcher Streifenpolizist will sich schon mit einer Horde von l0 Skins anlegen, die mit Sicherheit besser trainiert und motiviert sind, als er? In einei Studie schildert eine sehr bekannte Soziologin die Verhaftung eines Skin-Anführers, wobei sich die Kameraden im Kreis aufstellten und Naziparolen grölten. Die umstehenden Bürger haben diese Äußerungen zu Protokoll gegeben, die Polizisten haben alle nichts gehört ... Wie lange können wir es uns leisten, nichts hören, nichts sehen und nichts tun zu wollen? wann lesen wir endlich einmal eine ADN-Meldung über Neo-Nazis in Berlin (Ost), wann wird endlich nach dem § 106 und 220 verurteilt und nicht nur wegen Rowdytum? Wir müssen uns der Frage stellen, ob wir die Zeit des Faschismus genügend aufgearbeitet haben, ob Entnazifizierung und die Proklamation eines antifaschistisch-demokratischen Staates (d. h. eines Staates der Antifaschisten) ausreichen. Wer aufmerksam seine Umwelt betrachtet, kann das Menetekel an den Wänden und Polstern öffentlicher Verkehrsmittel lesen (Hakenkreuz, SS, SA "Hitler ist geil" und ähnliche Graffiti), oder zuhören, wie sich z. B. 19.4.39 in der Straßenbahn Lehrlinge des VEB Funkwerk Köpenick, mit Hitlerbärtchen, HJ-Schnitt und Bundeswehrhose über den Nationalfeiertag (20.4.!) unterhalten haben. Schaut sehr genau hin, wenn beim Fußball oder nach der Disco die rechten Arme hochfliegen und die "Sieg Heil!"-Rufe losgehen. Bemühen wir uns gemeinsam, dem Phänomen der Hinwendung junger DDR-Bürger zu nationalsozialistischen Gedanken-gut und faschistoider Gewalt zu begegnen. Ich kann kein Rezept vorlegen, aber wir könnten über folgende Punkte diskutieren: 1. Untersuchen wir die sozialen Ursachen; suchen wir sie in unserer Gesellschaft. Hören wir auf, alles immer auf ARD/ZDF/SAT 1 schieben zu wollen. Skins gibt es in jedem sozialistischen Land, auch im Ural ... 2. Bauen wir die gesellschaftlichen Konflikte ab; aber, das ist kein Paradoxon, zeigen wir auch mehr Konfliktbereitschaft. Gehen "wir konstruktiv mit den Jugendlichen um. 3. Sicherheitspolitik muß sicher sein, aber wenn sie repressiv ist, verschärft sie die innergesellschaftlichen Konflikte nur. 4. Informiert die Öffentlichkeit, sachlich und umfassend, Was nützen Studien von Soziologen und Jugendforschern, wenn sie sofort dekretiert werden und in den Schubladen verschwiegen. 5. Das Erziehungssystem der Schule muß unbedingt geändert, werden, die Jugendlichen entgleiten in immer stärkerem Maße, verweigern sich. So, wie der Jugendverband sich jetzt präsentiert, wird er von fast allen jungen Leuten abgelehnt, daran ändert auch ein solcher Event wie das Pfingsttreffen nichts. Mit Brot und Spielen übertüncht man gesellschaftliche Probleme nur kurzfristig. 6. über unseren Strafvollzug kann man leider auch nicht viel Positives sagen. Welcher Straftäter kommt schon geläutert aus dem Knast, wenn er z. B. in Bautzen jeden Tag den Spruch liest: "Was DU nicht kannst, werden wir Dir zeigen. Wenn Du es nicht verstehst, werden wir Dir helfen. Wenn Du nicht willst, werden wir Dich zwingen. " ? In der Regel lernen Jugendliche im Bau genau das, was; sie vorher noch nicht konnten. Ein Skin kommt darüber hinaus noch als "Märtyrer der Bewegung" zurück. Ich möchte keine Panik beschwören, aber ich möchte an das obenstehende Zitat erinnern, daß sich die Wertorientierungen für das weitere Leben im Jugendalter herausbilden und danach nicht mehr wesentlich ändern. Was wird aus Faschos, wenn sie über 26 sind, was geben sie an Lebenserfahrungen, Lebensansprüchen, Werten, Idealen. Liebe, Haß ... an ihre Kinder weiter? Berthold Brecht sagt in der "Heiligen Johanna": "Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht und Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind." Margitta-Sybille Fahr Anlage: Aus einer Umfrage des Leipziger Instituts für Jugendforschung unter 3000 Jugendlichen (repräsentativ): 65% lehnen Skins ab, 31% äußerten Verständnis, 3% äußerten Sympathie, 1% bekannten sich zu den Skins (in Berlin 6%). 65% hatten noch keine persönlichen Erfahrungen mit Skins, 24% hatten negative, 11% positive Erfahrungen. Anmerkung der Autorin: Der Rat des Stadtbezirks Pankow gab in einer Ratsinformation im Frühjahr 1989 bekannt, daß es in Pankow 6 (in Worten: sechs) Skinheads gäbe ... |