DIE KIRCHE, 26.3.1989:
Protokoll eines Heimweges

Donnerstag, den 23. Februar: Einige Jugendliche der Gemeinde treffen sich, wie verabredet, am Abend. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg. Die befreundete Jugendband hat eingeladen. Es soll eine letzte Generalprobe geben, ein Wenig Gespräch über Einstudiertes, Diskussion über Gehörtes, Meinungsaustausch unter Fachleuten, bevor es zum Bandtreffen nach .Hirschluch geht. Bandprobe bis 20.00 Uhr. unsere Gruppe, wir sind 10 Personen, macht sich nach kurzer Zeit wieder auf den Weg. Das genaue Ziel steht noch nicht fest. Nur die Richtung ist. klar. Eine kurze Diskussion legt schließlich fest: "Wir gehen in den Jugendclub, gleich bei uns an der Ecke." Warum auch nicht? Es sind Ferien. Disco - .P 16. Um 22.30 ist spätestens Schluß. Etwas über eine Stunde haben wir also noch Zeit. Einer von uns hat bezahlt. Wir stehen bereits an der Garderobe. Schnell sind einige Plätze gleich Eingang gefunden. Man bleibt, bis auf wenige Ausnahmen, zusammen. Einige tanzen. Andere trinken ite Cola oder schair.ja sich einfach nur um. Nichts auffälliges. V. sagt: "Irre viele Popper. Eine Disco fi schicke Typen." Die Zeit vergeht schnell. Kurz vor 22.30 Uhr wünscht uns der Discjocky einen gut" n Nachhauseweg. Die Beleuchtung wird eingeschaltet. Jetzt nach Hause, denke ich. Der Leiter und die Verantwortung - die Verantwortung und der Leiter, Mädchen bleibt kurz an unserem Tisch stehen. Sie sagt irgend etwas zu St. Ich verstehe überhaupt nichts. Das Mädchen geht weiter, was wollte sie? Eine deutliche Auskunft ist nicht zu erhalten. Erste unheilvolle Ahnungen. Ein leichter Druck in der Magengegend. "Hasenfuß", denke ich. St. sagt: "Die Disco ist in Ordnung, bloß die Skin-Braut eben. Hast du die bemerkt? Geh du mal vor, mir ist unheimlich."

Ich fange an, zu begreifen, St. und M., beide 16 Jahre, stehen mähr auf Punk. St. und M. passen wenig ins Bild. Zu spät? Draußen vor der Tür steht eine Gruppe Jugendlicher. Unscheinbar. Nur zwei, drei von ihnen sind als Skin kenntlich. Waren sife im Club? Das Unbehagen verdichtet sich. Wir haben versprochen, zu warten. S. ist noch im Jugendclub und hofft auf ihre Garderobe. Wenige Augenblicke vergehen. Der weitere Verlauf etwa so:

Ein Skinhead: "Zeig mal deinen Iro - du Punksau!" St.: "Das ist kein Iro." Skinhead:"Du siehst zum Kotzen aus, häßlicher Vogel.

"Ich denke: Nichts wie weg hier. Hoffentlich geht das gut?

Endlich, S. , kommt von der Garderobe. Langsam setzt sich unsere kleine Gruppe in Bewegung. Die Spannung bleibt. Wir werden verfolgt. Zwei Jugendliche stellen uns nach, werden handgreiflich, beschimpfen uns. Vor allem wird St. attakiert. Schlichtungsversuche von mir und Madchen scheitern. Skinhead: "Quatsch nicht, willst auch was in die Fresse?" ' Aggressivität entlädt sich. Stj. erhält Faustschläge und Fußtritte. Auch ich bleibe nicht unverschont. Jetzt nur in die nicht allzu weit entfernten Jugendräume,, denke ich. Ich fantasiere: "Was ist jetzt richtig? Ghandi, der Gewaltlose, oder Rocky, der Preisboxer?" Wir verhalten uns devensiv. Bloß nicht zurückschlagen - jedenfalls nicht in, der augenblicklichen Situation.
Noch hundert Meter bis zum Jugendraum. Nur schnell - Beeilung! Ein weiterer Skinhead kommt den anderen zu Hilfe. "Was wollen die?", fragt jemand verunsichert, unglaubliches passiert. Ein Alptraum. Aus der Nebenstraße, die wir überqueren müssen, kommt uns eine Gruppe von wenigstens zwanzig Jugendlichen, entgegen.
Wir suchen unser Heil in der Flucht, Der Hausflur des Gemeindehauses wird erreicht. Zu spät! Man hat uns eingeholt. Was sich jetzt abspielt, hat viele Schauplätze. Der Hausflur mit seinem angrenzenden Hof jedenfalls wird zur Falle. Geschrei, Hilferufe. Wieder setzt es Ohrfeigen, Fausthiebe. Auch Skinmädels werden aktiv. Alles geht sehr schnell. Ehe Hilfe geholt werden kann, ist der ganze Spuk vorbei.

Keiner von uns kann begreifen., was vor sich gegangen ist. Der Schock ist groß. Wir setzen uns in den Jugendraum."Mieter treffen ein. Erste Fragen, was war denn los? Keiner mag so recht antworten. Erst allmählich erholen wir uns und fassen das Erlebte in erste Worte. Fragen werden laut: Haben wir uns richtig verhalten? Löst eine Anzeige wirklich die Probleme? Warum waren die bloß so brutal? Wir haben doch keinem etwas getan!

Norbert Brennig