Faschisten in der DDR und antifaschistischer Widerstand
 

NAZIS IN DER DDR 




Antifa-Ausschüsse
Hohen Neuendorf

Das kleine Ort im Norden von Berlin war mit beginn der Naziherrschaft ein aktiver Hort Sozialdemokratischen und kommunistischen Widerstands. Die Widerstandsgruppe "Nordbahn" unter Führung des Sozialdemokraten Otto Scharfschwert wirke in der ganzen Region bis in den Norden Berlins. Nach ihrer Zerschlagung 1937 und der Verhaftung und Verurteilung von 40 Aktiven Leuten lebte der Widerstand in Hohen Neuendorf weiter. Dieser Widerstand mündete im April 1945 in der Selbstbefreiung durch eine Widerstandsgruppe die aus Kommunisten, Sozialdemokraten aber auch Parteilosen bestand.

Am Abend des 20. April 1945 rückten die ersten sowjetischen Panzerspitzen in den Oraninburger Raum ein. Aus Angst vor den Russen, wurde ein Flüchtlingstreck zusammengestellt. Die Sozialdemokratin Ilse Semrau erinnert sich: "...Am 20. April 1945 gegen Abend wurde in Hohen Neuendorf ein Treck zusammengestellt, der sich hinter die Havel zurückziehen sollte. Dabei taten sich Lehrer Hornemann (als Parteifunktionär und Volkssturmführer in voller Naziuniform) und Herr Hundeshagen besonders hervor. Hornemann begleitete den Treck mit dem Fahrrad und wollte offensichtlich zurückkehren. Am nächsten Tage wurde er tot auf dem Stolper Feld gefunden. Die Einwohner, die mit dem Treck mitgezogen waren, kehrten erst Wochen später zurück..."

Die Hitler-Jugend mußte zu Apell antreten und wurden zum bewaffneten Kampf gegen die "Russen" aufgerufen. Während sich eine Gruppe SS im Rathaus verschanzte errischtete der Volkssturm Panzersperren am Ortsausgang in Richtung Henningsdorf. Hohen Neuendorf sollte bis zum letzen Blutstropfen gehalten werden. Doch es kam alles anders. Denn es gab im Ort eine aktiven Widerstandgruppe aus Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilosen. Diese Gruppe wagte die Selbstbefreiung. Ein unmittelbar nach der Befreiung abgefasten Gemeindebericht für den Zweitraum 21.4. -16.6.1945 schildert diese Aktion: "In der Nacht Vor dem Einrücken der Roten Armee in der Nacht vom 21. zum 22.April 1945 entwaffnete eine antifaschistische Gruppe das von der SS besetzte Rathaus. Nach Beseitigung des Widerstandes wurde das Rathaus in den Verteidigungszustand versetzt.

Mit der Entwaffnung der Faschisten im Orte sowie der Waffen-und Munitionssuche wurde zugleich die Verhaftung der Faschisten im Rathause vom politischen Leiter (Bügermeister) bis zum politischen Leiter des Bezirks vorgenommen. Diese Aktionen laufen auch in Zukunft weiter. Unsere Gruppe hatte die Aufgabe, den Volkssturm zu bewegen, die Waffen niederzulegen und die Panzersperren zu öffnen. Diese Aktion ist restlos geglückt, ein Kampf gegen die Rote Armee fand nicht statt. Die erste Panzerspitze der Roten Armee, die sich von Bernau über Bergfelde nach Hohen Neuendorf bewegte, konnte nach Verständigung zwischen der antifaschistischen Gruppe und dem Panzerkommandanten, daß der Ort von uns gesichert und die weiße Fahne auf dem Rathaus gehisst ist, ihren Vormarsch über Hohen Neuendorf fortsetzen..."

Allerdings stimmt dieser Bericht nicht ganz. In der Stolper Straße hatten sich Hitlerjugend verschanzt, die den sowjetischen Soldaten kurzzeitig Widerstand leisteten. Frau Semrau berichtet: "...In der Nacht vom 20. zum 21. April gab es Kämpfe in der Stolper Straße zwischen Hohen Neuendorfer Hitlerjungen und russischen Panzern. Die Panzer sind wahrscheinlich die Stolper Straße entlang aus Richtung Hennigsdorf gekommen. Die Panzersperre, die an der Brücke unter der Bahn in der Berliner Straße errichtet worden war, hatte sie jedenfalls nicht gestört. Den Widerstand der Hitlerjungen hatte Herr Werk angestiftet, vielleicht auch Lebensmittelhändler Wolfert. Wolfert war Nazi und lief oft in brauner Uniform herum. Sein Laden war in der Stolper Straße / Ecke Florastraße; bei ihm war ich früher schon zum Lebensmittelmarkenaufkleben verpflichtet worden. Bei diesen Kämpfen wurden Helwig und noch ein weiterer Hitlerjunge getötet, die Gaststätte Fichtenhain und das Haus von Werk zerstört..."

Herr Heinz Becker, ebenfalls aus Hohen Neuendorf berichtet über seine Erinnerungen am nächsten Tag: "...Am Tag nach der Einnahme Hohen Neuendorfs, verließ ich morgens bei schönem Wetter unser Haus und hatte die erste Begegnung mit einem russischen Soldaten. Ich ging dann durch den Hainweg in Richtung Berliner Straße. Im Hainweg lag ein toter SS-Mann, seine Maschinenpistole hing zerbrochen an einem Baum.

An der Ecke Berliner Straße / Stolper Straße lagen 4 tote Hitlerjungen, einer davon war mein HJ-Führer, den ich an der besonderen Färbung seiner Augenbrauen erkannte. In der Stolper Straße waren abgeschossene russische Panzer, über die Anzahl kann ich nichts sagen. Hohen Neuendorf wurde aus der Hennigsdorfer Richtung eingenommen, die Panzer kamen die Stolper Straße entlang und wurden von den Hitlerjungen aus den Häusern heraus bekämpft. Diese Kämpfe hatten offensichtlich in der Nacht zuvor stattgefunden und waren nur kurz. Innerhalb von 3 Stunden war in Hohen Neuendorf der Krieg erledigt.

Meine Eltern hatten die Situation richtig eingeschätzt und mich so beeinflußt, daß ich den Befehl zum Treffen für den Kampf um Hohen Neuendorf verweigert hatte, zu Hause geblieben war und an diesen Kämpfen nicht teilgenommen hatte. Das rettete mir wahrscheinlich das Leben.

Von der Stolper Straße ging ich zum Rathaus. Dort war ein schweres Maschinengewehr in Stellung mit zwei Zivilisten mit roten Armbinden und solchen Mützen, daß ich sie für deutsche Kommunisten hielt. Auf dem Rathaus wehte eine weiße Fahne, die später von einem deutschen Flugzeug abgeschossen wurde..."


 

ANTIFA IN DER DDR